Während die beiden Andern zum Gastflügel abbogen, ging Georg wieder zum Verwalterhaus, traf die Domina im Flur und trug ihr, da sie sagte, Magda schlafe, auf — falls sie erwachen sollte —, daß alles gut sei.
Auf die Terrasse zugehend, sah er ihre rechte Hälfte erleuchtet. Schatten mit beleuchteten Gesichtern saßen um den runden Tisch, in dessen Mitte eine Lampe mit buntgeblümtem Schirm brannte; ringsum war tiefe Nacht. Die Steinstufen hinansteigend, machte er seinen Schritt leise, um erst nachzusehn, ob seine Mutter noch da sei, doch entdeckte er nur das Gesicht seines Vaters hinter dem Tisch, der seitwärts saß, wie er pflegte, rechts von ihm den Leutnant in Grün und Rot, dann — nach einem leeren Stuhl — Annas Vater, der rauchend und verträumt in die Lampe blickte, die Oberlippe über den Zähnen wie stets etwas angezogen, so daß sie im Lampenlicht farbig blitzten; dann den Baschkirtseff, der weit im Stuhl zurücklag und mit gedämpfter Stimme etwas zu deklamieren schien. Georg, über das Geländer der Treppe emporgereckt, blieb eine Weile stehn, willenlos versinkend in diese friedliche Gesellschaft. Auch den Rücken von Onkel Salomon entdeckte er nun dicht hinter der Brüstung; er saß, Georgs Vater zugewandt, gebückt, schräge zum Tisch. Dunkelgrüne Römer standen vor jedem, jeder leise an einer Stelle der Wölbung und der Riffelung des Fußes blitzend, noch im Schatten; der bunte Schirm ließ nur einen kleinen Kreis in der Mitte des Tafeltuches hell. Gläserne Aschenschalen glänzten farbig hier und da; seltsam rötlich waren alle Gesichter. Sekundenlang festgebannt, schien es Georg unmöglich, nur eine Bewegung zu machen oder das Gesicht abzuwenden. Erst als er den Mimen mit steigender Stimme sagen hörte: „Unchristlich oder christlich!“ und weiter:
„Ist doch die Welt, die schöne Welt
So gänzlich unverwüstlich!“
ergriff ihn der Ärger, daß sie hier saßen und Verse deklamierten, dieweil ... Also scharrte er mit den Füßen, um sich hörbar zu machen, und stieg die letzten vier Stufen hinan.
Alle wandten die Gesichter ihm zu, der Leutnant stand auf.
„Na endlich!“ sagte sein Vater und, ein wenig ironisch: „Es ist wohl nicht besonders ersprießlich, im Düstern zu jagen!“
Der Schuß war also gehört worden ... Einen Augenblick unfähig, etwas zu sagen, fühlte Georg das eben Vorgefallene auf einmal verschwinden, ihm entgleiten, als habe er es geträumt, und er mußte sich wahrhaftig besinnen, ob es gültig sei, um davon zu reden. Wieder von dem Gleichmut und der Ahnungslosigkeit der Dasitzenden geärgert, fing er an: „Es ist etwas sehr Seltsames geschehn ...“ merkte jedoch, daß eben diese Worte nun gänzlich alles Erschütternde und Fremde und Unheimliche fortnahmen. Wenn es sich schon erzählen ließ, was war es denn? Allein — ließ es sich denn erzählen? — Nun fuhr er geärgerter fort:
„Dieser al Manach — — er wollte in die Windmühle laufen, oben, Lornsens Mühle, und weil wir zu weit weg waren, hat Anna, Magda, ihn in die Beine geschossen, mit meiner Flinte.“
Er schloß, die Zähne zusammenbeißend, weil er fühlte, daß er lachen wollte, unweigerlich lachen, o, war es nicht zum Tollwerden! Und da saßen sie alle und lächelten.