„Bitte, Chalybäus,“ sagte er kalt, „ich habe sie in ihr Zimmer gebracht, sie wurde ohnmächtig hinterher, stören Sie sie aber nicht, sie schläft jetzt.“ Ja, da konnten sie ernst werden! „Wollen Sie so gut sein und Doktor Reiß telephonieren, damit er nach Herrn al Manach sieht.“
Nun fing Chalybäus an zu lamentieren, war drauf und dran, dem Herzog Vorwürfe zu machen, daß er Verrückte beherberge, besann sich und jammerte über seine Tochter, die auch verrückt geworden wäre. Einen erwachsenen Menschen in die Beine zu schießen! Und was zum Teufel sie sich um fremde Selbstmörder zu kümmern hätte, worauf ihn ihre Ohnmacht bis zu Tränen rührte, und er bedauerte das mutterlose Kind, dem er die Hüterin nicht ersetzen könne ... Dann wollte er sich von keiner Macht auf Erden abhalten lassen, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten. — Onkel Salomon war unterweil schon im Haus verschwunden, Georg sah im Schreibzimmer das Licht aufflammen, dann ihn selber zum Schreibtisch gehn und den Telephonhörer abheben. Der große Chalybäus trank sein Glas aus und ging mit großen Schritten davon. Georg rief ihm nach, Doktor Birnbaum telephoniere bereits, und dann wurde es still. Der Leutnant füllte leise ein Glas aus dem, neben der Tür auf einem Tischchen stehenden Bowlenkübel und setzte es vor Georg auf den Tisch, der selber gedankenverloren auf den Stuhl davor glitt. Indem er trank, hörte er die hellen, rasselnden Schläge der Uhr im Turm, zählte zehn und dachte erschreckt: Erst zehn Uhr? Eine Stunde seit dem Essen? Was war denn alles seitdem? Ach, ich habe sie geküßt, sie liebt mich, wir lieben uns, das ist nun alles vorbei ... Sein Vater fragte einiges, er antwortete und trank in kleinen Schlucken das süße und eiskalte Weingetränk, allein plötzlich ertrug er das Dasitzen nicht, stammelte eine Entschuldigung, sprang auf, lief die Treppe hinunter und in den Park in der Richtung des Weihers.
Neuntes Kapitel
Dunkel
Die Nacht war warm, und nun, erhitzt nach dem langen Frieren zuvor, bewegte Georg sich in einem heißen Branden von Gedanken, die zergingen, ehe er sie faßte. Als er aber neben dem Ende des Nordflügels vorüber wollte, raschelte es rechts im Wäldchen, rauschte, ein schwarzer, fallender Klumpen schleppte sich, ungetüm und schauerlich anzusehn, in das halbe Licht und auf den Weg, Artaxerxes. Verflucht, da ist der schwarze Bote schon wieder! schnob Georg ergrimmt, besänftigte sich aber, indem er gerührt denken mußte: So weit ist er inzwischen gekommen, geradeswegs auf seinen Weiher zu! Der Hals züngelte hervor, unbekümmert um Georg zog er seine Straße beschwerlich, arbeitete sich den Weg hinunter und verschwand im Dunkel der Wiese vor dem Weiher. — Und wenn er uns da oben nicht begegnet wäre, dachte Georg, hätte ich die Flinte vielleicht hängen lassen! „Verdammtes Vieh,“ schrie er ihm nach, „mußt du einem denn überall in die Quere kommen!“ — Ach, auch er tat, wozu es ihn trieb, da lag sein Weiher, — in einer graden Linie, wie ein Pferd, das nach Hause geht, war er darauf zugegangen, — was für eine Dämonszähigkeit! Und Georg ging weiter, lachte wütend und dachte: Der Schwan ist bei Gott der bewegende Teufel in alledem! Sie scheuchte ihn auf, als sie in den Teich ritt, und dann brach sie ihm den Flügel in der Luft, und dafür erschien er uns und zwang mich, die Satansflinte mitzunehmen. Sie ist also selber dran schuld, warum wollte sie fliegen! —
Plötzlich stand er am Teich, durch einen meterbreiten Grasstreifen nur vom Wasser getrennt, das er roch, schlug sich mit der Faust vor die Stirn, verfluchte sich und knirschte sich an, ob er denn zu nichts fähig sei als zu diesen Jämmerlichkeiten! Zu keinem guten, graden Gefühl! Immer Mißmut statt Demut, Ärger statt Traurigkeit, Wut statt Schmerz. Da lag sie nun oben! Wachte sie? Was ging in ihr vor? War ihr angst? Ach, wie sollte ers wissen, war sie nicht ein fremdes, unbegreifliches Wesen? Und er hatte sie geküßt!
Da war, im Dunkel absonderlich geisterhaft, die kleine Brücke zur Insel, deren schwarze, gewaltige Baumkronen in den großen und finstren, gestirnten Himmel ragten. Einen Augenblick dachte Georg, hinüberzugehn, jedoch — was sollte er dort? Anna — womöglich wurde sie krank, und sie konnten nicht zusammen in dem halbverfallenen Liebespavillon der Insel sitzen ... Da rannte er um den Teich in das kleine, niedre Fichtengehölz, zwängte sich mühsam durch Nadeläste und Spinneweben, innerlich sich beschimpfend, verteidigend, stolperte in einen trocknen Graben und ins Freie, ins helle Mondlicht auf die Chaussee, nach Böhne.
Hier war Totenstille; in weiter Ferne rollte ein Wagen. Auf der andern Seite der Landstraße standen die Garben im vollen Silberglanz auf den Stoppelfeldern, weithin grenzenlos dahinter lag schlafendes Land, weitfern, im silbrigen Dunst, waren graue Schatten von Bäumen, kleinen Gehölzen. Unfern zur Linken stand die scharf silberne Mondscheibe kaum haushoch über der Fläche und dem Dorf, dessen weiße Häuserwände, schwarze Dächer und weißer Kirchturm mit schwarzer Haube allmählich deutlicher zum Vorschein kamen. Kein Licht war mehr dort. Wogen der Stille, Wogen der Nachtwärme, der Nachtkühle kamen und verhauchten. Das Wagenrollen ward ein wenig lauter, — gewiß war es schon der Doktor aus Böhne. Georg wußte eine Bank in der Nähe am Waldrand und suchte sie auf. Und dort saß er, erschlafft und gedankenmatt, bis das Wagenrollen nahe kam, die Laternenlichter erschienen und der Sandschneider vorüberrollte mit dem kleinen, krummen Doktor auf dem Rücksitz hinter dem kerzengraden Kutscher. Georg hörte ihn eine Minute später von der Landstraße auf den Kies vor der Helenenruher Rampe einbiegen und auf dem Fahrweg um das Haus verhallen.
O wie still es war! Wie sanft, wie arglos diese schlafende Welt! — — —
Ob sie schlief? Ob er — —