Erinnerungsbilder des Tages begannen einen zuckenden, zerrissenen Vorübertanz. Auf einmal war der grüne Teich da mit Anna darin zu Pferd, die silberne Wasserbahn, die der schwarze Vogel aufriß, Gewitterregen strömte, der Schwan schrie, am Fenster war Bogners Gesicht, Bogner saß im Dunkel vor zwei Kühen, da lag Anna, in ihrem Zimmer, der graue Engel schwebte mit Blumen und dem Kind, da stand seine Mutter fürstlich in der Tür, Judith stand in braunem Samt vor einem Gebüsch, Jason al Manach saß, liebreizend anzusehn, und sprach über Gedichte, Onkel Salomon, der Baschkirtseff, Georgs Vater — im Zickzack hin und wider durchfuhr er den Tag, stand auf einmal unwollend auf, ging in der Richtung des Schlosses, unter der Rampe her, dachte, er müßte doch einmal nach ihr sehn, vielleicht hatte sie Licht, womöglich konnte er leise rufen und fragen, bei welchem Gedanken er einen ganz andern Wunsch als unziemlich zerdrückte, es trieb ihn vorwärts, er sehnte sich, verlangte nach ihrem Mund, ihren Gliedern, sein Kopf brannte ... wie fremd, fest, wie kühl ihr Mund zuerst gewesen war!
Nun stand er unterhalb des langen Gastflügels im Heckengang und blickte empor. Drei Fenster waren erleuchtet im Oberstock, — vielleicht sollte er auch nach al Manach sehn und vom Arzt hören ... Aber da tönte die Angel der Haustür, Schritte knirschten über Stufen, er hörte die überschnappende wohlbekannte Stimme des Doktors nach dem Kutscher rufen, stand und rührte sich nicht. Es dauerte endlos, bis er die Wagenräder im Sande knirschen hörte, er erschrak, der Wagen würde ja den Heckengang herunterkommen! und so diebisch und unwürdig er sich vorkam, mußte er durch das altbekannte Loch in der Hecke kriechen, und da er einmal im Bücken war, schlich er so weiter, während innerhalb der Wagen ihm entgegen und vorüber rollte, das Licht der Laterne ihn streifte.
Einen Augenblick später öffnete er die kleine Lattentür an der Ecke des Verwalterhauses, ging zwischen den hohen Stockrosen und Sonnenblumen den Gang hinunter, unhörbar im Gras, und stand an der Hinterseite des Hauses im Grasboden des Obstgartens eine Minute still, ohne zu atmen. Endlich entfernte er sich noch ein paar Schritte vom Hause unter die kleinen Bäume und sah, daß in allen Stockwerken alle Fenster mit Läden oder weißen Rouleaus verschlossen waren, bis auf das Annas, dessen gläserne Flügel nach außen offen standen; dazwischen bewegte sich das heruntergelassene weiße Rouleau leise im Luftzug.
Rausch
Lange Zeit verging. Georgs Herz klopfte schwere, dicke, langsame Schläge. Hin und wieder hielt er den Atem an. Die Nacht war hell. Die geweißten Stämme glänzten. Manchmal drehte der Nachtwind ein paar Blätter hin und her, erst hier, dann dort, als suche er etwas darunter. Georg starrte verschwimmenden Auges auf das weiße Rechteck des Vorhangs, hin und wieder zitternd, wenn er sich bewegte, geheimnisvoll, als müsse jemand dahinter stehn. Wenn er emporsah, flackerten zwei kleine, weiße Sterne im Laubwerk und verschwanden auf ein Weilchen, von Blättern verdeckt. Er bebte heftiger in angstvoller Erwartung, flüsterte ihren Namen, wünschte sie herbei, doch nichts kam, nichts, als daß nach einer Zeit ein sehr natürlicher Wunsch seines Körpers sich bemerkbar machte, und so entfernte er sich leise in die Tiefe des Gartens, bis er den Lattenzaun erkennen konnte, — sich verwünschend: muß einem das denn immer dazwischen kommen! — wagte aber nicht, sich umzudrehn, als könne grade in dieser Minute sich etwas ereignen, fuhr, sein Geschäft verrichtend, fort, nach dem Hause zu spähn, und richtig, kaum daß er hinter seinem Baum wieder vortrat, sah er den Vorhang sich nach oben bewegen, hörte er deutlich das Quietschen der Rolle unter der laufenden Vorhangschnur. Lautlos trat er näher und näher. Sie stand im Fenster, weiß, da verschwand sie wieder ... nein, sie hatte sich auf die Fensterbank gesetzt, den Rücken an den Rahmen lehnend. Nun sah er das Dunkle ihres Haars und eine Flechte, die über Schulter und Brust vorn herunterhing. Sie löste sie auf bis oben hin, legte den Kopf zurück, bewegte ihn leise hin und her und begann die Strähnen neu zu flechten.
Sie konnte nicht schlafen! — Warum? — Seinetwegen oder ... Ach, sie war es wirklich, kein Geist, kein Traum, sie flocht ihr Haar, sie hatte nichts an als ihr langes Nachthemd, und sein Herz begann wild und regellos zu hämmern in einer schrecklichen Angst, während Gedanken sich in ihm herumstießen. Im Obstgarten mußte doch irgendwo eine Leiter ... Ja, und dann? Plötzlich war alles leer in ihm, und auf einmal war er ins Freie vorgetreten und hatte ihren Namen geflüstert.
Er sah, daß sie die Hände auf das steinerne Sims stützte und sich herunterbeugte; dann hörte er seinen Namen durch das Sausen in seinem Gehör. Da stand ja die Leiter am Baum! Er holte sie und legte sie an; sie reichte bis unter das Fenstersims, und er stieg hinauf. Nun sah er ihre Augen, dunkle Flecke mit einem unkenntlichen Blick darin. Oben empfing sie ihn, legte die Arme um seinen Nacken, küßte ihn, o, wie küßte sie ihn denn? Wollte sie ihn verzehren? Sie stammelte etwas, das er nicht verstand, er fühlte ihre Schlankheit, ihre Schultern, die sich bewegten, und daß sie ganz nackt unter dem Hemd war, ihre linke Brust, — und er packte mit der einen Hand ihr eines Knie und preßte es. Da lag sie still, ihr Kopf sank langsam zurück, er dachte, eilig zu fliehn, wie er sich aber zurückbewegte, fühlte er die Festigkeit der Arme, die ihn umschlossen, und riß sie an sich, legte das Knie innen auf die Fensterbank und stieg, so behutsam er konnte, hinein. Ihm war eiskalt. Wie er noch stand und sie hielt, flog Erinnerung vorüber an Pappeln und den Sandweg, — zum zweitenmal trug er sie zu ihrem Bett, nun war es unordentlich, die Steppdecke zurückgeschlagen, und er legte sie hinein und deckte sie zu.
O Gott, wie entsetzlich langsam ging das Auskleiden vor sich! Er krampfte sein Hirn zusammen, um nur ja nichts zu denken, und was an gräßlichen Gedankenstücken von wüst unpassender Art hindurchschoß, zerdrückte er, wie mit den zusammengepreßten Augenlidern. Endlich war er fertig, hörte seine nackten Sohlen tappen, als er zu ihr schlich, und dann lag er in der Wärme neben ihr, umschlang sie und war, so heftig sein Herz klopfte, ruhig und beinah kühl, so daß es ihm im nächsten Augenblick schon zu heiß unter der Decke war und er sie fortstieß.
„Frierst du nicht!“ fragte er leise, sich aufstützend. Die Dämmerung war schon so hell vor seinen Augen, daß er die ihren deutlich in dem unter ihm liegenden Gesicht erkannte. Da mußte er wieder denken, daß dies Anna war, seine Kindheitsschwester, und, gewaltsam den Gedanken zerpressend, warf er sich über sie, fühlte sich umschlungen, noch vergingen schauerliche Minuten des Tastens und Suchens nach dem Eingang, er hörte sie leise aufstöhnen, fühlte selber Schmerz, war ratlos, aber da kam die anschluchzende Sekunde, und jählings fühlte er sich von der unsichtbaren Riesenfaust zu rasenden Zuckungen der Lust schlotternd und schlagend zusammengerüttelt in sich selbst und verging sich im magischen Krampf.
Aus völliger Leere und Schlaffheit sich aufrichtend, küßte er leise ihre linke Achsel aus einer Art Pflichtgefühl und mit dem verdrückten Gedanken, daß sie ihm gleichgültig war. Neben ihr liegend, gelang es ihm, einen Tropfen Mitgefühls, den er Liebe nannte, zu sammeln, sie an sich zu ziehn und zu streicheln, allein er wußte nicht, was er hier noch sollte, und zudem fing ein heftiges Verlangen nach einer Zigarette an, ihn immer wütender zu peinigen.