„Ja — ich muß nun wohl gehn ...“ flüsterte er. Sie richtete sich auf, strich das Haar aus der Stirn, stützte dann eine Hand neben sich auf und sah auf ihn herunter. Auf einmal merkte er, daß sie ganz wenig lächelte, und als er fragte, warum, warf sie sich über ihn und flüsterte unter lauter kleinen Küssen auf Nase, Kinn, Wangen und Hals, er sähe so süß aus, wie er daliege. Dies erleichterte ihn freilich sehr, er lachte leise und sagte: „Was fürn Unsinn, Anna!“ innerst höchlich erstaunt: wie sie sich gleich hineingefunden hat ... Dann küßte er sie wieder, schob sie dann leise von sich, stand auf, ging zu seinen Kleidern und zog sie eilig an. Danach trat er noch einmal an ihr Bett, wo sie noch so lag wie zuvor, ohne sich nur bewegt zu haben, die Arme ausgebreitet, so daß die eine Hand über den Bettrand hing, die unterwärts mit Leinen bespannte Steppdecke bis zu den Knien nur heraufgezogen. Als er sich über sie beugte, küßte sie ihn leidenschaftlich, er ließ es eine Weile über sich ergehn, machte sich sanft los und verließ das Zimmer, wie er gekommen war. Aus dem Obstgarten entkam er über den Zaun und gelangte so auf einen engen Gang im Dickicht des Wäldchens, wo er hastig Zigaretten und Streichhölzer hervorzog und rauchte.

Tagesanbruch

Georg stand am Gatter der Mittelallee, die Arme auf dem obersten dünnen Balken, und sah über die grauen Wiesen hin in die helle, weißgestirnte Sommernacht. Ihm war so absonderlich leicht in allen Gliedern, daß er es kaum begriff, doch meinte er, das sei wohl so ... Irgend etwas, schien ihm, war fort aus ihm, fortgenommen, — eine Wärme, — oder er aus der Wärme, — und ihm war seltsam kalt. Er wußte nicht, was es war ... Heiter war er nicht, auch nicht unfroh, eher ernst, vielleicht schwermütig, — doch auch Gefühle und Gedanken hatten diese flüchtige Leichte, und eigentlich war er ganz und gar leer. Wenn er an Anna dachte, empfand er einen kleinen Stich Mitleid und Dankbarkeit, und nachdem er den Gedanken, warum er sie eigentlich liebe, und ob er es überhaupt tue, einmal gedacht hatte, so hütete er sich, ihn noch einmal zu denken. Die Nacht war ja sehr schön, wundervoll still und lau. Schläfrig war er gar nicht, er dachte, noch einmal auf den Deich zu gehn und nach der Flut auszuschaun, dann dachte er, es müsse schön sein, im Wiesenpark auf einer Bank zu sitzen, in der Mondhelle die Schattenzacken der Fledermausflügel zu sehn und einzudämmern, — jedoch Lust hatte er zu nichts, stand nur und stand, bald zu keiner Bewegung mehr fähig.

„O du Kindermund, o du Kindermund ... unbewußter Weisheit froh ...“ Es summte in ihm, eine ganze Weile schon, ferne und wehmutvoll. Wie kam er nur darauf? — —

Dies war es nun gewesen? War das wirklich alles? Er hatte Lust, daran zu zweifeln, doch lauerte hier wieder die Frage nach der Tiefe oder Wirklichkeit seiner Liebe zu ihr, und er bog von diesem Gedankenweg ab, fand aber keinen neuen, stand auf einmal im Ungewissen und gab nun dem Verlangen nach, auf der Erde zu liegen. Er öffnete das Gatter, ging zwei Schritt in die Wiese hinein und legte sich hin.

Ach, das war wundervoll! Ach, war das wunderbar! Die Erde, diese Erde, wie sie ihn trug! Wie über alle Maßen köstlich das war, sie zu fühlen am ganzen Rücken, am Hinterkopf, an den Schenkeln und Fersen! Er breitete die Arme und fühlte mehr und kräftiger sich getragen, ganz wie wenn er auf dem gewaltigsten Riesen läge. Diese Ruhe, o, endlich einmal nicht mehr dies immer Aufrechtsein und wagerecht sehen! Liegen und doch das ganze ungeheure Oben, den Nachthimmel, die Sterne voll in den Augen zu haben, einmal in andrer Richtung zu leben, einmal nach oben die Brust zu dehnen, statt immer nach vorn, und tiefer im Genießen, ließ er sich noch einmal die ganze Unlust des Aufrechtseins empfinden, alles Hängende der Beine und Arme, die Schwierigkeit des dünngestützten und so schweren Kopfs, der vornüber wollte, und nun — — da lag er, da lag er! Da war die Natur, die gute, starke, mächtige, die ihn wortlos in Empfang nahm, ihr breites Lager auftat und — — da liege ich, ach! da liege ich, — da liege ich, — da liege ich ...

Endlich merkte er doch, daß er naß wurde, daß alle Halme trieften, und er setzte sich auf. Sieh, was war denn das für ein Lichtschein? War noch jemand auf der Terrasse? Es war ein buntfarbiges Licht, es mußte der Lampenschirm sein. Er zog die Uhr und las auf das Haar genau Mitternacht von dem gläsern in der Nacht blinkenden Zifferblatt. Ja, später konnte es auch wohl noch nicht sein.

Georg stand auf und ging durch das Gatter die Allee hinunter. Das Rosenoval erschien mondhell, graugestreift von Tau; der Mond selber hoch oben am Himmel zwischen den Helenenruher Türmen, die er, wie das Dach, mit Silberglanz belegte. Aber der Lampenschirm schien völlig mit sich allein zu sein und war also wohl nur vergessen. Georg überschritt die Wiese, ging die Treppe hinan, und siehe da — Maler Bogner! ganz einsam saß er, tief in einen Peddigrohrsessel hineingesunken neben dem Tisch, die Beine übergeschlagen, sein Skizzenbuch auf dem Schenkel, malte darin und hatte seine kleine, leise qualmende Pfeife im Mundwinkel stecken. Als Georg näher trat, hob er das nachdenklich gesenkte Gesicht, blickte ihm entgegen, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, steckte sie in den andern und sagte durchaus nichts.

„Ganz allein?“ fragte Georg heiser und hatte das unbehagliche Gefühl, Bogner wisse alles. — Der Maler nickte, griff, sich etwas hochrückend, nach dem neben ihm stehenden Römer, bemerkte, daß er leer war, und sah sich um. Georg entdeckte auf dem Tischchen an der Tür das Bowlengefäß nebst einem Brett voller Gläser, ging hin, nahm ein abseit stehendes, das ihm unbenutzt schien, und schenkte es aus dem Bowlenrest voll, danach auch das Glas des Malers. Sie hoben die Gläser gegeneinander und tranken, Georg im Stehen.

Ah, dies war nun wieder herrlich! Diese eiskalte, nach wenig, aber kostbar schmeckende Flüssigkeit, die in ihn hinabstürzte wie ein weißer Gebirgsquell. Er trank das ganze Glas aus, holte das Bowlengefäß und stellte es auf den Tisch, füllte sein Glas abermals und dachte, daß es wunderbar sein müsse, hier den Rest der Nacht zu versitzen in ernsten und tiefen Gesprächen. Aber ob dieser Maler dazu zu bringen war? Georg setzte sich mit dem Blick über die Wiese.