„Zeichnen Sie?“ fragte er.

„Nein,“ sagte Bogner, „ich mache bloß so Krickelkrackel.“

So, er machte Krickelkrackel. Er ließ sich auch nicht stören, rauchte, schwieg und trank. Georg füllte die Gläser mehrere Male. Es ward kühler, es ging langsam auf Morgen. Auf einmal kam es ihm vor, als müsse die Uhr seit Stunden aufgehört haben, zu schlagen, die Augen fielen ihm zu, er bekam plötzlich einen Ruck und merkte, daß sein Kopf im Einschlafen nach vorn gekippt war.

O, er liebte sie doch, gewiß liebte er sie! Nun war sie ihm ja wieder süß und er sehnte sich nach ihr, träumte wieder, bei ihr zu liegen, ihre Schulter zu küssen und jene weichste Stelle an der Achsel. Alles kam noch einmal und war doch sehr schön gewesen und erlosch nun, losch hin wie Nacht und Mond ins Morgengrau und die umherschaudernde Kühle. Ach, dieser ganze Tag, wie er und alles nun gewesen, alles sich nun gleich war, alles gleich, alles traumhaft und wallend und vergehend! O, stille sein, nichts denken, dieser Tag ist aus! Alles wird sich finden, alles wird kommen, wie es muß, die Zeit verrinnt, auch diese Stunde, sie verrinnt, der Maler trank allein allen Wein aus, Georg sah plötzlich einen Schatten hoch über der Lampe, die Bowle bewegte sich, Georg versuchte die Augen zu öffnen, da sie zufielen, er vermochte es nicht.

In einer nachtfinstren Gasse traf er Bogner, der dort umhersuchte. Georg, um ihm zu helfen, fragte, was er suche. Meinen Bleistift, fluchte Bogner, Gott solle ihn verdammen, sein Bleistift wäre fort. Dies schien Georg ein unseliger Verlust, und so suchten sie zusammen, bis Georg an eine Tür geriet, ein großes Vestibül, das von innen strahlend erleuchtet war, eine Menge Menschen ging Treppen hinauf, und auf einer Estrade stand Onkel Salomon und winkte und zeigte den Bleistift, so groß wie ein Spazierstock. Nun aber war da ein Theaterparkett und Georg wußte, er gehörte zu den Aufführenden, er mußte hier hindurch zum Bühneneingang, Frauen und Offiziere standen in Gruppen zusammen, keine Sitze waren da, und dazwischen ging Georgs Vater herum und teilte Händedrücke aus. Also kann er doch gehen! dachte Georg, ich wußte ja, daß es ein Irrtum war. Er wollte zu ihm hin, aber das Menschengedränge war merkwürdig zäh, er zwängte sich nur mit größter Mühe hindurch, und auf einmal wars finster. Es war ein Lichtspieltheater, die Leinwand flammte grell auf, es erschien der Maskenzug aus Kellers Grünem Heinrich, aber Georg wußte, daß es nur scheinbar ein Lichtbild war; in Wirklichkeit war die Leinwand durchsichtig, und die Menschen zogen körperlich dahinter vorbei, es wurde nun aber höchste Zeit für ihn, an seinen Platz zu kommen, jedoch hielt Onkel Salomon ihn am Ärmel fest, er erschrak, nein, das war ja der große Chalybäus, der ihn für irgend etwas zur Rechenschaft ziehen wollte und immerfort wiederholte: Der Kientopp ist das große Hurra! und das erschien Georg eine unerhörte Weisheit. Aber ich komme nicht hinein, schrie er aufgeregt, und zum Donnerwetter, lassen Sie doch meinen Arm los! Nun spaltete er das finstre Getümmel, daß es krachte, doch wurde es ein schwarzes Meer von Schultern und beleuchteten Gesichtern, die sich alle nach ihm umwandten und sagten: Er hats schuld! er hats schuld! Nun kämpfte er mit den Menschen, sie verdeckten ihm etwas, wollten ihn nicht durchlassen, er schlug wüst um sich, da lag in einem gläsernen Sarge Anna in ihrem blaßroten Kleide, das Gesicht zur Seite geneigt, und war tot. Entsetzen packte Georg, er schluchzte, warf die Hände empor und sah sie, schaudervoll erschrocken, die sich losgerissen hatten und über ihm in der grellen Lichtstraße, die gegen die Leinwand strömte, sich krümmten, riesengroß und kalkbleich, und er erwachte.

Erwachend erschrak er wiederum, denn vor ihm war wirklich eine bleiche Hand, seine eigene im Schoß, auf die sein Kopf hinabgesunken war. Verstört sich aufrichtend, bemerkte er, daß die Luft grau war, dann rasselte es in der Höhe, der Glockenhammer fiel einmal, der Schall verhallte, — nach ein paar Sekunden sagte Bogners Stimme: „Halb drei; es wird Tag ...“

Der Maler lehnte ihm gegenüber mit dem Rücken an der Terrassenbrüstung; es kam Georg vor, als habe er ihn beobachtet, während er schlief. Der Maler stopfte seine Pfeife aus dem roten Gummibeutel, gleich darauf flammte eine Streichholzflamme grell und blendend auf, Georg erhob sich, fühlte sich zerschlagen, seine eine Wange glühte, ihn fror. Sich streckend und gähnend, trat er an den Treppenrand und sah, daß die Wiese im Morgennebel schwamm; nur hoch oben ragten schwarz die Wipfelspitzen heraus. Ihn fröstelte heftiger, die Lider fielen zu, Bogner stand neben ihm, streckte ihm die Hand hin und sagte:

„Gratuliere zum neuen Lebensjahre, Prinz!“

Gedankenlos die Hand ergreifend, fragte Georg: „Wieso?“ besann sich auf seinen Geburtstag, dankte und fühlte ein unbegreifliches Schamgefühl in sich aufsteigen. Zum Umfallen müde, nahm er sich zusammen und sagte spöttisch verlegen:

„Also fangen wir das neue Jahr mit Schlafen an, Herr Bogner! Guten Morgen.“