„Es giebt soviel Seltsames. Da Sie von Träumen sprachen ... Hören Sie einmal zu.“
Georg setzte sich wieder vor ihre Füße, nahm eine Zigarette hervor und rauchte. Esther begann, ein wenig stockend und unbehülflich:
„Es hat aber eine Vorgeschichte. Ich kannte längere Zeit einen jungen Menschen, der war lungenkrank. Er liebte mich sehr. Um Weihnachten zogen seine Eltern von hier fort. Er schrieb mir öfters, ich hab ihm aber nie geantwortet, er verlangte das auch nicht. Lange Zeit kam kein Brief, und ich dachte niemals an ihn. Nun, — in der Nacht von Oster— Gründonnerstag nennen Sie’s, nicht wahr? — auf Karfreitag — übrigens war er Christ — träumte ich, — ja, wie soll ich das beschreiben? — Es war ein Kreuz, und daran ein Gesicht mit sterbenden Augen. Ich wußte, es war ein Sterbender, er schien mir auch bekannt, als ich aufwachte, aber ich konnte mich nicht besinnen. Ich war aber ganz verstört von dem Traum, Sigurd merkte es mir noch an, als ich zum Frühstück kam, und ich erzählte ihm, was mir geträumt hatte. Dann erfuhr ich eine Woche später durch Bekannte, der junge Mensch, der lungenkranke, sei gestorben, und da wußt ich im Augenblick, daß ich ihn im Traum gesehen hatte. Nun schrieb ich an seine Schwester, die ich kannte, sie möchte mir sagen, wann er gestorben sei, und sie schrieb —, aber ich muß erst sagen, daß sie etwas sonderlich war, altjüngferlich und pathetisch — und so war auch ihr Brief, nur drei Zeilen, ohne Anrede: Er starb in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag um ein Uhr morgens mit Ihrem Namen auf den Lippen.“
Esther schwieg. „Wie sonderbar!“ sagte Georg nach einer Weile halblaut. Er dachte noch nach, als er auf einmal Bogner bei der Sonnenuhr stehn sah, in seinem Malkittel, mit wüstem Haar, rotem Gesicht und verschwimmenden Augen. So starrte er auf das Zifferblatt der Uhr.
„Grüß Gott, Maler!“ rief Georg, „wollen Sie wissen, was die Uhr ist?“
Bogner sah ihn zerstreut und unwirsch an. „Ich wollte was,“ — sagte er, „aber nun hab ichs — vergessen. Ich wollte ins Haus und — — ah Streichhölzer!“ sagte er erleichtert. — „Ich hatte mir eine Pfeife —“ Er sah verwundert seine leeren Hände an, suchte in allen Taschen. „Nun habe ich die Pfeife liegen lassen!“ schrie er grimmig, machte kehrt und lief davon. Georg rief ihm nach, er sollte doch warten und sein Feuerzeug mitnehmen, aber er hörte nicht.
Georg wartete noch eine Weile, ehe er zu sprechen anfing, aber der Maler kam nicht wieder. „Nun hat er das Rauchen vergessen,“ sagte Georg, „der arme Kerl! Warten Sie einen Augenblick!“ stand auf und ging in die Kapelle. Ja, da saß er und hatte eine kalte Pfeife im Mund, malte aber tüchtig an etwas Schwefelgelbem. Georg entzündete ein Streichholz und hielt es auf den Tabak. Der Maler merkte, daß es brannte, sog kräftig, sah verworren auf und murmelte: „Danke! danke!“ Georg gab ihm den Rat, zu heiraten, aber er hörte nicht darauf, und Georg ging zu Esther zurück.
Die Arme auf der Sonnenuhr, den Zeiger in Händen, sagte er:
„Wissen Sie auch, Esther, was an Ihrem Traum das Seltsamste ist? Viel seltsamer als der Traum selbst?“ Sie hielt inne mit Arbeiten und sah ins Gras zu ihren Füßen. Er sagte: „Da war doch ein Sterbender, Esther, nicht wahr, einer, der Sie liebte, ein immer Kranker, der seine ganze, trostlose Liebe zu Ihnen in einen ungeheuren Augenblick zusammenpreßte und angesichts des Todes die Geliebte dachte! dachte, und es gelang, nicht wahr, und einen Augenblick zwischen Tod und Leben schwebte seine glühende Seele, einen Augenblick lang vollbrachte sie dies Riesenhafte, daß sie sich über die Natur erhob und eindrang in ein fremdes Dasein. Freilich war es wehrlos in dem Augenblick, es schlief, und vielleicht gelang es ihr nur deshalb, daß sie eindrang und Traum ward in Ihnen. Sie aber, Esther, Sie, der diese gewaltige Anstrengung galt, diese furchtbare Liebe zuströmte, — Sie hatten davon nichts als den leisesten Schauder. Furchtbar, wissen Sie, furchtbar finde ich diese Einrichtung. Liebe gilt nichts, so gewaltig sie sich ereifert; gilt nichts, gilt nichts, denn Sie schliefen, und ein dünnes Traumbild wurde aus der Verzweiflung. Ja, so können wir uns bemühn mit heißester Glut, wir können Blut und Tränen vergießen, alle Ängste um etwas leiden, unser ganzes Dasein zum Opfer bringen: all das, alle Anspannung, alles Säen nützt nichts, wenn keine Erwiderung da ist, keine Willigkeit im Boden. Liebe allein gilt nicht, nur Doppelliebe. Und — ja, was gilt nun hier der Traum, den Sie davon hatten!“
Georg nahm sein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn. Es regnete Glut über ihn, und er sah betroffen, als wär es das erstemal, daß der schräge Weiser vor ihm einen Schattenstreifen über das abgeschliffne Erz zog. Esther saß still da, bewegte einmal die Lippen, zog die untre ein wenig in den Mund, sagte aber nichts.