Georg tröstete mit Bestimmtheit, Sigurd würde sich ändern und ein Greis werden. Sie seufzte und wandte sich wieder zu ihren Perlen. Georg lagerte sich geschmackvoll zu ihren Füßen, tröstete sich selber mit dem Anblick seiner schön abgestimmten Kleidung, nämlich zur Flanellhose pfirsichgrüne Socken, gleichfarbiges Hemde und etwas dunkler getönter Schlips, ließ dessen kühle Seide durch die Finger gleiten und dachte nach, worüber er ablenkend reden könne.
„Wissen Sie, Esther,“ fing er träge zu sprechen an, „es ist ärgerlich mit den Träumen. Vor ein paar Monaten, da hat Renates Vetter Josef — Sie kennen ihn nicht? — mir so erstaunliche Dinge vom Träumen erzählt, daß ich alle Bücher darüber gewälzt habe. Sie haben sie wohl gelesen?“ Esther nickte und sagte: „Freud.“ — „Natürlich! Und nun — sehen Sie, was kommt heraus, nicht wahr? Gar nichts am Ende — abgesehen von dem Wert fürs Heilverfahren, der ja unschätzbar sein mag —, gar nichts, als daß der Zustand des Träumens ein fortgesetztes Wachen ist, bloß daß unsere logischen Verknüpfungen fehlen. Manchmal, so nach Tische, wenn ich nicht geschlafen, sondern nur so gedämmert habe, nicht wahr, — konnte ich genau beobachten, wie meine Vorstellungen allmählich in Bilder übergingen, traumhaft leibhaftig wurden, nicht wahr, wie die Zeitrechnung verschwand und — auf einmal alles ein Wirrwarr war und solche Albernheit, wie ich da eben geträumt habe, — nun weiß ichs nicht mehr ...“
„Ein Schimmel“, half Esther.
„Ja, gleichviel, und mein Vater war Wachtmeister und spielte Karten. Und das, sehen Sie, ist, was mich ärgert. Diese — Unfruchtbarkeit. Anstatt daß gerade unsere Verworrenheit, die im wachen Leben doch groß genug ist, — anstatt daß die sich auflöste, Klarheit, Ordnung, Erfahrung — nicht wahr — entstünde, — anstatt dessen die völlige Sinnlosigkeit, hinterdrein Vergessen, und das Ganze ist abgelaufen wie Wasser vom Stein. Es kann mich ganz unwirsch machen, wenn ich denke, was da vergeudet wird!“
„Aber nun giebts doch die Traumdeutung, Georg.“
„Ach, das ist ja viel zu umständlich! Und was kommt auch mehr dabei heraus, als was ich aus meinem wachen Zustand ebenso gut, vielleicht besser erfahren könnte, wenn ich mich nur gehörig beobachten würde. Eben das ist’s! Alles denken und Alles fühlen, unaufhörlich, nicht wahr, an diesen zehntausend Fäden unsers verworrenen Daseins hängen, — und dann noch beobachten, raten und knacken — das ist zuviel. Und wie wäre es da nicht einfach und schön und heilsam, wenn der Schlaf, der die Glieder und Sinne so liebevoll löst —“ Georg war träumerisch stolz, so gut sprechen zu können — „wenn er auch die Seele und das Schicksal nur ein wenig befreite, und wir kämen klarer hervor, als wir hineingingen.“
„Jason,“ sagte er nach einer Weile, da Esther schwieg, gedankenvoll, „Jason kann es vielleicht. Irgendeine Medizin muß er haben. Jason“, schloß er bescheiden, „ist ein guter Mensch. So sollten wir Alle sein.“
„Haben Sie,“ fragte Esther nach einer Weile, „haben Sie eigentlich auch dies merkwürdige Gefühl, wenn er fortgegangen ist, — als ob er überhaupt verschwunden wäre?“
„Gar nicht mehr vorhanden?“ fragte Georg. „Freilich, wenn ich mir ihn jetzt vorstellen soll, bringe ich es nur fertig, indem ich ihn mir irgendwo bei andern Leuten denke. Können Sie sich denken, daß er irgendwo allein ist, zu Hause bei sich, allein in einem Zimmer, lesend? oder schreibend? Oder wie er sich wäscht? Oder wie er im Bett liegt und schläft? Ich glaube, Esther,“ sagte er, sich überbeugend, ganz leise neben ihrem Ohr, „er ist ein Geist. Er braucht nicht zu essen und zu schlafen und sich zu waschen, er ist immer so, wie er uns erscheint, und nur in unsrer Gegenwart ist er wirklich. Sonst unsichtbar, ein Geist, nimmt er Gestalt an, wenn er zu uns tritt, es ist schauerlich, finden Sie nicht?“
Esther hatte zuhörend ihr Gesicht langsam zu ihm nach oben gedreht. Sie sahen sich in die Augen, und Georg dachte angstvoll: Erwartet sie jetzt, daß ich sie küsse? Oder macht das unsre Haltung bloß zufällig? Nein, sie erwartete es scheinbar nicht, denn sie sagte ganz nachdenklich: