Es war Mittag, der Vogellärm schwieg. Vor Georgs Augen lag der geheimnisvolle Schatten des Sonnenzeigers, der in unendlicher Wandrung um seine Wurzel unzählbare Stunden anzeigte, spurlos auf der metallenen Fläche von Ewigkeit. Aber es bewegte sich etwas über Georg, irgend etwas wurde in seinem Augenfelde sichtbar, und über den Verandastufen stand Renate, schön wie Elysium, winkte mit ihrem Lächeln, und Georgs doppelt ergriffenes Herz riß in zwei Stücke mit lautem Stöhnen.
Fünftes Kapitel: September
Vergangenheit
Renate, an einem Abend im späten September ihr Gedächtnisbuch schließend, in das sie eine Eintragung gemacht hatte, hörte jemand an die Tür klopfen; sie antwortete nicht, in dem Glauben, es sei ihre Zofe, welche die Eigenart hatte, ihr Eintreten durch ein leises Pochen anzumelden, legte das Buch in eine Schieblade, schloß zu und erhob sich. Indem klopfte es wiederum, sie ging zur Tür, öffnete und sah ihren Onkel draußen stehn, gebückt und wartend.
„Oh du bists,“ sagte sie erschreckt, „aber bitte, komm doch herein.“
Etwas übermannte sie so, daß sie an das Fenster treten mußte und hinaussehn; freilich sah sie nichts in der Nacht.
Oh so war er nun! Stand geduldig draußen und wartete, und so ging er ja immer im Hause herum, als ob er nur geduldet würde und jedes Recht verloren hätte. Tränen zurückdrängend wandte sie sich und sah ihn im Zimmer stehn, das rötliche Gesicht ein wenig schief haltend; die Ellbogen angezogen, rieb er die Knöchel der Linken mit der rechten Hand. Wie waren seine Schläfen doch eingefallen und grau geworden. Das Lampenlicht funkelte in den stark geschliffenen Gläsern des goldenen Kneifers, hinter dem die hellen Augen kaum zu sehn waren. Schnell trat sie auf ihn zu und legte den Arm um seine Schulter. Er sah flüchtig zu ihr auf, sagte leise, wie schön sie es hier hätte, das freute ihn, ja, es sei doch alles in der Ordnung. — Sie führte ihn zum Sofa, aber er setzte sich auf einen Stuhl, wobei er plötzlich mit beiden Händen eine geschwinde Bewegung nach den Schläfen machte, ohne sie zu berühren, worauf er nach seinem Halskragen tastete und am Schlips schob, eine erschreckend hülflose Gebärde, die Renate wohl kannte. Er machte sie, ohne es zu wissen, manchmal auch wenn er die Zeitung las, am Abend, und Renate von fern nach ihm sah in Besorgnis, da es schien, als habe er das Zeitungsblatt nur vor sich, ohne es zu sehn. Da stand sie wieder auf, trat zu ihm, faßte seinen Kopf, lehnte ihn zart gegen ihren Leib und streichelte leise seine Wange. Er nahm den Kneifer ab, sah zärtlich und dankbar auf.
„Wolltest du mir etwas sagen?“ fragte sie. Er nickte, ergriff ihre linke Hand, drückte sie und schob sie von sich. Da setzte sie sich in die Sofaecke. Er sagte nichts, setzte den Kneifer wieder auf und sah nach den Bildern umher, die Lippen bewegend und ein-, zweimal nickend. Endlich nahm er den Kneifer wieder ab, legte ihn auf den Tisch, senkte den Kopf und sagte, den Kneifer in den Fingern drehend:
„Ich möchte mich nun doch zurückziehn, weißt du, aus dem Geschäft. Ich habe ja“, sprach er eilig weiter, „seit — seit dem Tag damals die technischen Angelegenheiten fast ganz Erasmus überlassen, der es ja auch alles unübertrefflich besorgt, viel besser als ich, großzügiger, und die Gesellschaft steht ja prachtvoll. Dafür habe ich mich mehr mit unsern Wohlfahrtseinrichtungen beschäftigt, an die ich früher viel zu wenig gedacht habe, und die, ich kann wohl sagen, jetzt gleichfalls in einem recht guten Stande sind, so daß ich —, jedenfalls —“ er stockte.
Lange Zeit drehte er an den dünnen Enden des weißrötlichen Schnurrbarts und schien sich anstrengend zu besinnen. Das vorher fleischige, feste Gesicht war schrecklich locker geworden, das Haar weit zurückgetreten über der breiten, runden Stirn, locker auch das geringfügige Kinn. Renate beugte sich vor, legte die Hand über seine auf dem Tisch und bat: „Wir reisen, Onkel, nicht wahr? Diesmal giebst du nach! Nach Italien oder Spanien, gelt? Hast du mir nicht lange schon den Prado versprochen?“