Er sah sie unsicher an. „Versprochen, — so? Ja, ich glaube, — freilich! aber —“ Er zog die Hand weg, schob beide ineinander, rieb sie verlegen und brachte endlich hervor, er wollte allein reisen.

Renate fröstelte seltsam. Was war nur mit seinem Gesicht? War es nicht eine Maske, hinter der es dämmerte wie — wie das Skelett des Kopfes? Als sollte Haut und Fleisch auf einmal abfallen und — Sie schüttelte den Gedanken ab und begann leise zu widersprechen, alles mögliche zu reden, was sie selber kaum vernahm; er ließ das sanftmütig über sich ergehn, er hatte sich wohl so in seine Bescheidenheitsrolle gewöhnt, daß er nicht zu widersprechen wagte, und machte schon dieser Gedanke sie verstummen, so bewirkte das obendrein die Bewegung nach den Schläfen, die jetzt wieder kam. — Die Arme an den Leib gepreßt, faltete sie die Hände mit heftigem Druck und hielt den Atem an vor plötzlicher Angst.

Ja, nun war es zu spät! Nun war es wahrscheinlich zu spät. Warum hatte sie sich so wenig um ihn bekümmert, ihn nicht zu stören gewagt, wenn sie ihn lesend fand, sich immer beruhigt, wenn sie es doch einmal versuchte und er bescheiden und verlegen abwehrte. Nie hatte sie erfahren, was in ihm vorging, nun hatte sich wohl alles angesammelt und brach seines Weges auf, und sie saß dabei.

„Ich reise in einer großen Unruhe fort,“ hörte sie ihn nun reden, „ja, in einer großen Unruhe, mein Kind, oder ich kann fast sagen, es ist Angst, es ist etwas furchtbar Bedrückendes, Abscheuliches —“ er suchte nach seinem Tuch in den Taschen — „nein, nein, bleib sitzen, mein Kind, ich befehle dir, — das heißt, das muß jetzt alles ausgesprochen werden, ich habe soviel gegrübelt und gedacht die ganze Zeit, daß ich schon nicht mehr weiß, ob das, was ich sagen wollte, will, nicht vielleicht ganz unsinnige Gedanken sind, die mir nun“ — er suchte lange nach einem Wort — „erwägungswert scheinen. Ja, es betrifft meinen Sohn Erasmus.“

Er hielt inne und atmete auf. Nach einer Weile sagte er geistesabwesend, an sich selbst gewendet, seufzend: „Er ist ein harter Mensch, mein Sohn Erasmus.“ Plötzlich drehte er sich nach ihr herum, versuchte, sie anzusehn, senkte die Augen und fragte: „Du — wie ist es, ich meine —, du könntest ihn nicht heiraten?“ Wieder flogen seine Hände zu den Schleifen und endeten hülflos in der Luft.

Renate fand lange kein Wort. Dann hörte sie auch schon wieder seine Stimme aus der Ferne in ihre wirren Gedanken, sie solle ihm nicht antworten, es habe ja Zeit, vielleicht später, und anderes mehr, das sie nicht verstand. Sie fühlte nur nach einer Weile, daß sie ihn vergessen hatte über sich selber, weckte sich auf und sah ihn dasitzen, tief im Schatten des Zimmers, nach der gelben Schirmlampe auf dem Schreibtisch blickend.

Er sagte: „Du entsinnst dich Ruths — Josefs Mutter? Ach Gott, verzeih nur, du warst ja damals noch gar nicht geboren. Ja,“ fuhr er in tiefer Verlegenheit fort, „ich habe leider kein Bild von ihr, ich habe sie damals alle verbrannt, und übrigens, was ich sagen wollte ...“ Er hielt inne, fragte dann plötzlich ganz lauernd: „Denkst du viel an Josef?“ Renate verneinte einfach, und er seufzte auf.

„Damit du mich verstehst,“ begann er jetzt beruhigter, „ja, ich möchte wohl, daß du mich ein wenig verstehst, und möchte dir deshalb etwas von mir sagen. Sieh mal, zwischen deinem Vater und mir war ein sehr großer Unterschied. Kinder wurden ja zu meiner Zeit noch anders erzogen als heute, strenger und mehr in Furcht vor ihren Eltern, oder wenigstens ihrem Vater, und du weißt vielleicht, ein wie strenger und — ja, trockner, einsamer Mensch mein Vater war. Da er mich früh von der Schule nahm und ins Geschäft steckte, so blieb ich immer in seiner Zucht.

„Von meiner Jugendzeit ist sehr wenig zu sagen. Ich tat eigentlich nur nichtsnutzige Dinge, war wohl ganz fleißig, führte ein geselliges Leben, ja, na, — damit brauche ich dich nicht aufzuhalten. Eines Tages ließ ich mich dann auch verheiraten. Mein Vater beschloß es und führte es aus. Von meiner ersten Frau hast du wohl ein Bild gesehn? Schön war sie ja nicht, aber doch ganz anmutig, ein wenig dürftig, ja, das war sie, aber meinem Vater genügte ja der Reichtum und der gute Name. Ich willigte wohl um so leichter ein, als ich hoffte, dadurch selbständiger zu werden. Damals war es ja so, daß eine Heirat den jungen Menschen plötzlich veränderte in den Augen der Umwelt; vorher war er Kind, und nun wurde er gewissermaßen Vater und damit selbständig.“ Er lächelte, und Renate war ganz glücklich, doch einen Hauch seines Geistes wieder wahrzunehmen.

„Ich veränderte mich auch; ich versuchte erst, mich mit unsern technischen Betrieben besser zu beschäftigen, aber — abgesehn davon, daß mein Vater meine Bemühungen mit Kühle abwies — konnte ich auch für dies Verfahren, das damals gerade aufkam, die Benutzung der Photographie zur Vervielfältigung von Bildern, — bis dahin gabs nur die Heliogravüre, ein Wort, das du vielleicht schon gar nicht mehr kennst, also, was wollte ich sagen? Ja, ich hatte meinen Umgang meist unter Künstlern, Landschaftern, die damals zuerst von unsrer Haide verlockt wurden, und ihnen, und mir deshalb auch, entsprach diese Popularisierung von Kunst — aber was rede ich davon? Jedenfalls, ich zog mich zurück, ich gewann auch meine Frau sehr lieb, wir zogen damals in dies Haus, das ich nun so schön gestaltete, wie ich nur konnte, aber dann kam schon diese — ja, diese Entfremdung.“