Renate, ein kleines, mattes Aquarell der lange Verstorbenen vor Augen, geriet, ihr selber unerklärlich, in um so kältere Erregung, je geordneter und sicherer, auch eiliger ihr Onkel sprach. Mit Anspannung hörte sie weiter:
„Es muß wohl eine, — ja, ich weiß nicht, welche Störung in ihr diese Entfremdung bewirkte, die im Augenblick von Erasmus’ Geburt begann. Kaum, daß sie mich das Kind sehen ließ. Sie richtete sich ein Schlafzimmer allein ein, und dahinter lag das Kinderzimmer, das ich nur durch das ihre betreten konnte. Und so weiter ... In so einer Art Trotz verkapselte ich mich nun selber, fing an zu sammeln damals, auch den Rosengarten legte ich an, — nun, für meinen Charakter war das alles ja sehr gut; ich fing an, Bücher zu lesen, die Philosophen, glaubte schöne und reiche Quellen in mir zu entdecken, und wurde recht eigentlich damals erst der, den du kennst. Ja, und plötzlich war sie dann tot. Von jenen Jahren weiß ich sehr wenig. Und nun war dieser verschlossene, rätselhafte Junge da, der alles tat, was man ihm sagte, der nie etwas gab, keine Widerrede, keine Bitte und keinen Dank, der nie eine Miene verzog, so — das dachte ich damals — so als ob ihm im Verborgenen von seiner Mutter ein böser Geist eingeflößt, — nein, nicht böse, was sage ich denn! nur diese Verstocktheit, dies furchtbar einsame Wesen. Ich ließ ihn gehn, — ja — ich — ließ — ihn — —“
Er hielt inne und schien sich zu verlieren; sein Kinn fiel ab, er starrte vor sich hin. Aber er ermannte sich, richtete sich grade, atmete und sprach weiter.
„Als ich Ruth zuerst sah, war ich zwanzig Jahr. Du weißt, daß sie von der Mutter her Jüdin war, und auch, daß sie schön war, fast so schön wie du, ja, ja.“ Er lächelte vor sich hin. „Freilich ganz anders als du, eher so wie deine kleine Freundin, Esther heißt sie ja wohl, nur viel größer, eher stattlich und wie aus Marmor. Damals heiratete sie einen Kaufmann, und der starb nun einige Jahre nach dem Tode von Gabriele, und da ich sie immer von fern sehr verehrt hatte, und auch weil ich glaubte, daß mein Sohn eine Mutter haben müsse, bewegte ich sie, mich zu heiraten. Sie sagte, bevor sie mir ihr Wort gab, in der ihr eigentümlichen, entfernten Weise — übrigens war sie nach der Meinung der Leute ohne Herz — also sagte sie, es gebe in ihrem Leben etwas, danach dürfe ich nicht fragen, und das sei es, warum sie so sei, wie Alle sie kennten, — nun — ich habe es nie erfahren, ich liebte sie auch nicht mit solcher Leidenschaft, daß es mich beunruhigt hätte, ich war zufrieden, sie mein zu nennen, was man so mein heißt.“ Immer fließender, aber auch mit immer mehr Hast und oft unter sonderbarem Zucken der Schulter oder eines Arms sprach er weiter:
„In Wahrheit weiß ich nicht, ob sie imstande war, eine Wärme für irgend etwas zu empfinden. Davon wüßte Erasmus vielleicht etwas zu sagen, denn mit ihm war sie gewissermaßen — befreundet. Er hielt sich in ihrer Nähe, ließ sich auch bei seinen kleinen Arbeiten von ihr helfen, er lernte unsagbar schwer, ja, ich glaube — das ganze Leben war für ihn von Anfang an eine ungeheure Aufgabe, die er jeden Tag vom frischen angreifen mußte, und ich weiß nicht, ob er jemals richtig aufgeatmet hat ... Nun, aber ich wollte —“
Da stockte er wieder völlig, die Hände gingen empor, er fuhr zusammen, warf einen scheuen Blick nach Renate, schloß die Hände, beugte sich vor und saß nun so, die Ellbogen auf den Knien, die Hände hart gefaltet, mit den Augen drüberhin auf den Boden starrend, während er redete.
„Er war nicht imstande, das Pensum einer Klasse anders als in zwei Jahren zu erledigen, hatte keine Spur von Gedächtniskraft, aber einen fürchterlichen Pflichteifer, so daß er sich auf das härteste Tag und Nacht mit Dingen peinigte, die Andre im Vorbeigehn erledigten. Freunde hatte er nicht, er war unbeliebt bei Lehrern und Schülern, ich glaube, wenn er nicht aus so guter Familie gewesen wäre, — das spielt ja immer eine Rolle, aber so wurde sein Fleiß doch anerkannt, und all das wurde auch besser in den Jahren, wo der Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften und Physik begann, wo er sich denn gleich auf wahrhaft erstaunliche Weise hervortat. Seiner Stiefmutter aber diente er auf so eine verborgene Art, wie ein kleiner Sklave, geriet aber in grausame Wut, wenn irgend jemand einen seiner kleinen Liebesdienste entdeckte. Vielleicht war sie für ihn die Königin eines Feenreiches und er ein dienstbarer Gnom, — ich habe freilich nie bemerkt, daß er sich mit Büchern und Märchen abgegeben hätte; er war immer ein Bastler und Ingenieur, der Dinge zusammentrug, verglich und zusammenstellte, als er noch klein war, und der aus allen ein Werkzeug oder Kasten hervorbrachte, als er größer wurde. Eines Tages stand dann wohl im Zimmer seiner Mutter oder auch in meinem ein Segelboot, oder etwas Gepapptes oder eine kleine Maschine; aber davon durfte man nichts sagen ... Seine Mutter duldete all dies ohne Aufhebens, und so vertrugen sie sich.“
Ohne daß er seine Haltung veränderte, richtete er jetzt seine Augen gerade auf die Renatens, seine Blicke aber gingen durch sie hindurch, weich wie Spätsonnenstrahlen, in die Erinnerung, während er sagte:
„Ich habe sie unendlich geliebt von dem Augenblick an, wo sie mir sagte, daß sie Mutter —, nein, sie hat es mir nie gesagt, ich sah es, und in diesem Augenblick fing ich auch schon an, um ihr Leben zu zittern. Sie war ja nicht mehr jung. Ich habe damals an Liebe nachzuholen versucht, was ich im Leben vorher versäumt hatte, habe sie in einen Garten kostbarer Dinge gesetzt, sie durfte nur Schönheit sehn, nur Reinheit atmen, nur Stille trinken, und der Sohn, den ich mir erhoffte — —, ja, er ist ja auch wohl so geworden, so schön und ...“ Die Augen wieder auf die Hände senkend, sagte er leise: „Es giebt im Talmud eine Anekdote, die erzählte sie mir damals, in ihrer sparsamen Art, in dem sie nach einem langen Schweigen plötzlich anfing, — eine Anekdote von einem Rabbi, der sich am Frauenbade aufzustellen pflegte, damit die Schwangeren ihn sähen und sich versähen an seiner Schönheit. Von ihm wird auch erzählt, so sagte sie langsam vor sich hin, daß, als Rabbi Elieser im Sterben lag, dieser Jochanaan bei ihm eintrat, und, da es dunkel im Gemache war, so erhob er einen Arm, streifte den Ärmel zurück, hielt ihn hoch und erleuchtete die Finsternis mit der Weiße seines Arms. Elieser aber weinte, und nachdem er drei Fragen Jochanaans nach dem Grunde seiner Tränen verneint hatte, sagte er endlich: Ich weine, weil auch deine Schönheit einmal im Grabe faulen wird ...“
Renate schauderte leise, aber nach einer kleinen Stille fuhr er eilig fort: