„Bald danach hatte ich den zweiten Sohn, und sie war tot. Wie sie gestorben ist, weiß ich nicht; es drang nichts nach außen. Einmal sah sie mich an und sagte: Danke. — Sie lag mit offnen Augen und schwieg. Später waren ihre Augen geschlossen; noch später war sie kalt. Ihren Sohn hat sie nicht gesehn.
„Es muß ungefähr ein Jahr später gewesen sein, da fand ich Erasmus — er war neunjährig — über das Bett seines Bruders gebeugt. Du weißt nicht, wie — ja, wie abstoßend sein finstres Gesicht anzusehn war, denn es war fast nur Stirn und Augen, — die untere Hälfte war verkümmert und wuchs sich erst spät und spärlich aus. Dies Gesicht hob er zu mir und sagte in seiner furchtbaren, kindlichen Ruhe und mit seiner tiefen Stimme: „Die Leute sagen, meine Mutter starb, weil mein Bruder auf die Welt kam. Also hat er sie umgebracht?“ Ich vergesse das nie. Damals schrie ich wohl: er nicht, er nicht! Ich, ich selber habe es getan! — Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht, er war von den sonderbarsten und entsetzlich schweren Begriffen, die er sich in seiner Einsamkeit selbst anfertigte von dem, was ihm zuflog, und die er dann so behielt, unveränderlich, nicht daran zu rütteln.“
Jetzt war es sie selber, Renate, gegen die seine Augen andrangen aus einer grausamen inneren Verhärtung, da er sagte:
„Nun weißt du,“ ganz langsam setzte er die Worte hin, „nun weißt du, was meine Söhne wurden. Nun weißt du, was an ungeheuerlicher Schuld in jenen Jahren von mir angehäuft wurde. Nun weißt du, daß der eine Sohn mir alles, alles, und der andre mir nichts, nichts war. Nun weißt du, welche Gerechtigkeit mich jetzt heimgesucht hat, da ich zwei Söhne habe und doch keinen, denn der eine ist nicht da, und der andre rührt mich nicht. Dieser aber wuchs auf wie eine schöne Blume, zart, süß, kräftig, blühend. Der hatte alle Leichtigkeit, alle Anmut, der war ein Windspiel, ein — ein Herrscher, so trat er von Anfang an auf, nur sein Wort, sein Blick galt im Haus, alles war ihm untertan, aber — die Leute sagten, er habe kein Herz. Wenn seine Mutter keins hatte, ja, wie sollte dann er ...“ Er hielt den Kopf in den Händen, er schüttelte sich plötzlich und streckte die Hände nach ihr aus. Auf den Knien vor ihm liegend, sein Gesicht an ihre Brust drückend, hörte Renate ihn stammeln: „Ich kann doch nicht fort, ich kann doch nicht! Wenn er wieder kommt, und ich bin nicht da ...! Und Erasmus wird ihn töten, er hat ja schon als Knabe einmal mit dem Messer ...“
Laut aufschluchzend weinte er wie ein Kind jämmerliche, erstickte, zerbrochene Worte heraus, er fürchte sich namenlos vor Erasmus, er müsse doch fort, er könne nicht, Renate solle ihm verzeihn, er wäre elend, er habe mit ihr den Erasmus bestechen wollen, und er wisse ja, daß Beide sie liebten.
„Warum willst du ihn denn nicht?“ rief er, sich losmachend und ihre Augen mit seinen heißgeweinten suchend. „Ist er denn nicht gut, mein Sohn Erasmus?“ bat er mit ausgestreckten Händen, „ist er nicht adlig und tüchtig und gehorsam und — ach, du mein Gott, was für ein Engel ist er gegen seinen Vater und seinen Bruder. Und der Herr sah gnädiglich an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Kannst du denn, kannst du denn nicht diese entsetzliche Angst von mir nehmen, ehe ich fortgehe, und ich will fortgehn, und will nicht wiederkommen, und unstät und flüchtig werden ...“
Er verstummte, weil sie seinen Mund mit ihrer Wange verschloß, sein nasses Gesicht in den Händen an der Brust, selber am ganzen Leibe zitternd, frierend, entsetzt. Danach machte er sich los, keuchte ein paar Mal heftig, umklammerte ihre Handgelenke und flehte mit den Augen. Da raffte sie sich auf, küßte flüchtig seine Stirn und sagte: „Ich will versuchen ...“
Ein welkes Versprechen. Hatte sie ihn wirklich damit beruhigt? Sie stand abgewandt, die Hände unter dem Kinn gefaltet, auf ihre Lampe blickend; hinter ihr sagte er halblaut, er sei von Sinnen; dreißig Jahre habe er ein Leben in Gedanken- und Planlosigkeit geführt, und das solle nun sie ihm bezahlen. Nun, sie solle nur ruhig sein, er sei es auch, er habe es ja nun vom Herzen herunter, und nur die Nerven wären wohl schuld, eine Reise würde ihn bald wieder aufrappeln ...
Sie hörte ihn kaum. So war es nun mit Allen. So trug Erasmus das Seine, jahrelang wortlos, so hatte Bogner jahrelang schweigsam unerschütterlich sein Leben vollführt, bis sie ihn einmal zum Reden brachte; so flammte mancher wohl einmal auf, aber hinterdrein — so waren sie Alle — zogen sie schon wieder den Mantel knapp um sich und wollten nichts mehr wahr haben. Dann waren die Nerven schuld. Was sagte der Onkel jetzt? Er fuhr fort, alles so hinzustellen, als ob es auch ebensogut ganz anders sein könne, als er es eben dargelegt. — War das nun wieder ihretwegen, die für Alle so eine schöne Sache war, unter einer unsichtbaren Glasglocke? Nein, nein, woher nur diese grausame Eifersucht auf unsre Leiden, auf unsre Schmerzen? Die sind freilich unser einziges und letztes Eigentum, so eins, das man wohl einmal zeigt, aber an dem keiner teilhaben darf, und sie —, ja, würde sie vielleicht anders sein? Wie angewachsene Hermen, dachte sie, so stehen wir da an den Lebensstraßen, unsre Füße bleiben immer im Stein, einmal schreien wir zum Nachbarn hinüber. Josefs Mutter, wie sie schwieg ... Keiner konnte helfen, keiner. Was? Konnte, sollte sie denn nicht? Ja, um Gottes willen, war denn das etwas Denkbares, dies mit Erasmus? Sie verstand nicht mehr. Hier saß der Onkel und tat, als wäre alles nichts, und hier stand sie vor einem Wirbel, aus dem es toste. —