„Verzeih!“ hörte sie ihren Onkel hinter sich sagen, wandte sich um und sah, daß er eine Zigarette in der Hand hielt und Streichhölzer. Verloren in sich selbst, ging sie zum Schreibtisch, nahm eine kleine blutrote Steinschale und setzte sie vor ihn. Er rauchte und sah miteins ruhig, gefaßt, beinahe jovial aus. So ging sie auf ihn zu, legte die Hände auf seine Schultern, zauderte und sagte:
„Also laß uns reisen. Oder — möchtest du lieber, daß ich bleibe, falls — falls Josef kommt?“
Er lächelte trüb, meinte, der komme ja nicht, und stand auf.
„Ja, falls ich reisen sollte, möchte ich dich wirklich bitten, zu bleiben,“ sagte er bescheiden wie im Anfang, „wirklich. Ich möchte auch allein sein, ich — nun —“ Er brach ab, küßte sie freundlich auf die Stirn und ging hinaus.
Lange stand sie mit hängenden Armen, ermüdet und kraftlos; dann ging sie zur Wand, rückte die kleine Genellizeichnung, die dort hing, gerade, warf sich, die Arme vor dem Gesicht, gegen die kalte Tapete, schluchzte ein paarmal tränenlos, schlich matt zu einem Sessel und fiel darauf nieder. Ein wenig Tabaksrauch schwebte süßlich im Raum, und das war der Rest. Sie warf den Kopf auf den Tisch und seufzte: Ach! — Bogner kam doch niemals. Ob sie Saint-Georges fragen sollte? — Sieh, sagte sie spöttisch zu sich selbst, du bist doch nicht so und schleppst deinen Kummer gleich zu jemand anders. Er ist freilich auch danach, dieser Kummer. — Überdem stand sie auf und begann gedankenlos ihr Kleid zu öffnen, ließ es zu Boden fallen, öffnete die Untertaille, merkte, was sie tat, raffte das Kleid auf, ging müde ins Schlafzimmer, kleidete sich aus, legte sich und löschte das Licht. — —
Hatte sie schon geschlafen? Sie setzte sich auf im Finstern, rieb die Augen. Was für eine wunderliche Trunkenheit? Aber da war ja Licht — sie erschrak — im Nebenzimmer; die Tür war angelehnt. Bleich um sie her war der Raum, die weißen Schränke still, dunkler der dreifache Spiegel dort hinten, voll Geheimnis, wie ein Schrein, der sich geöffnet hatte, während sie schlief. Hatte er etwas entlassen? Wollte er empfangen? — Sie versuchte, sich zu ermuntern, doch gelang es nicht, und so, seltsam trunken und gefangen stand sie auf, ging nacktfüßig zur Tür und blickte mit leiser Furcht in den Raum. Still war es drin, o so still! Was war hier doch vorgegangen, am Abend? Still, nur ihr sanftes Wesen verbreitend, stand die gelbe Schirmlampe auf dem Schreibtisch, geduldig weiter brennend, ohne Vorwurf, daß sie vergessen war, — ach, und wie blühte darüber die geisterhafte Blume, das Angesicht des ägyptischen Königs mit dem küssend gewölbten Mund, einsam auf seinem Pfeiler! Still war alles, und lebte doch. Gespräche, die sie unterbrochen, schienen überall gestockt zu sein; es knackte im Sofa; in seiner kornblumenblauen glänzenden Seidenbespannung schien es ganz eine himmlische Höhle; nur die einzelnen Bücher auf dem Tisch davor schienen in sich gekehrt und zu schlafen. Mächtig, aufrecht, geziert ragte das Lilienbüschel hoch empor. Leise funkelte es aus der Vitrine, im Schliff der Scheiben glänzte es gelb und rötlich. Welch fremdes Reich, das sie hier überraschte! Oh all dies gehörte sich selber an, jeder Stuhl, der Teppich, der Schreibtisch, die Vasen, die Bilder, jedes gehörte sich selber allein in einem stummen, aber starken Leben, und nicht ihr. — Eilig ging sie zum Fenster, öffnete es und bog sich hinaus, fast zurückgestoßen jedoch von einem graden, kalten Wind, der sie gewaltsam umschloß. Da erinnerte sie sich: er war das Rauschen gewesen, das sie, während der Onkel sprach, unablässig fernher gehört und — auch das wußte sie jetzt — längere Zeit für das ferne Wehr im Fluß gehalten hatte. Die Nacht war völlig schwarz; in den unsichtbaren Wipfeln sauste und tobte es, — ach, es war ja September, längst ... Morgen früh würde sie den noch verschonten Garten zerrissen finden wie von einer sinnlosen Hand, und sicherlich war der gestrige der letzte der weißen und goldenen Nebelmorgen gewesen. — Hastig, nicht weiter zu denken, schloß sie das Fenster, löschte die Lampe und tastete sich in das Schlafzimmer.
Aber nun war sie doch wacher geworden. Und, verlockt von der dunklen Höhle des Spiegels, ging sie hin, wiederum leise erschreckend, da ihre weiße Gestalt ihr von fern entgegenschwebte und gegenüber stillhielt. Eine Fremde, murmelte sie, eine Fremde ... und griff, ohne zu denken, nach der Kurbel. Starkes weißes Licht senkte sich von oben, sie schloß die Augen, öffnete sie wieder, und da gingen in dem Spiegelantlitz die beiden dunklen, blauen Feuer auf, tief leuchtend, beseelt, aber ganz so fremd wie die eines zweiten Menschen, in dessen Innres kein Eingang war. Als sie zu lächeln versuchte, sich lächeln sah und von der Bewegung der Lippen im Spiegel die Bewegung der eigenen Lippen empfand, erkannte sie wohl, daß sie selber es war, aber hinter diesen Augen, dieser Stirn war Unbekanntes, blieb Fremde. Sie sah das Heben und Sinken ihrer Brust unter dem Hemd, streifte es von den Schultern, ließ es zu Boden rinnen, und nun, wie in einem weißen Ring von Wellenschaum nackt dastehend, die Hände, sich vorbeugend, links und rechts gegen die andern beiden Glasflächen der Flügelspiegel gestützt, sah sie sich schaudernd an, fühlte schaudernd verdoppelt die schöne Lebendigkeit des weißen Leibes, dahinter, tief im Grunde, sonderbar in das Gegenüberzimmer hineingestellt, das Fußende des weißen Bettes, ein Stück der zusammengeschobenen Decke und die Dämmerhelle der nächtigen Stunde. An ihrem rechten Knie zitterte leise das Ende der einen, nach vorn herabgefallenen, lichtbraunen Flechte. Sie grüßte sich, sie murmelte unbedacht: „Nein, Erasmus, nein, nein“ ... Darüber sanken ihr die Augen zu, mit geschlossenen Lidern ertastete sie die Kurbel, drehte sie, raffte ihr Nachtkleid auf, streifte es über, erreichte ihr Bett, verhüllte sich fröstelnd, atmete tief und schlief ein.
Sechstes Kapitel: Oktober
Abschied
Georg, mit Sigurd aus der Universität herübergekommen, der ihm an diesem Wochentage eine Stunde lang zwischen zwei Vorlesungen Gesellschaft zu leisten pflegte, fand sein schönes Zimmer hell im vollen Licht der Sonne, obgleich sie, noch die Fenster nicht erreichend, nur über den Herbstgarten sich ausgoß. Aus den Nischen zwischen den Bücherregalen flammten die mächtigen Farben der Oktoberblumen: gelbe Dahlien und weinschwarze, schneeweiße Lockenhäupter der Chrysanthemen, violette Asternsträuße, und stämmige Büschel rotgeflammten und gelben Laubes.