geht durch der Glieder angespannte Stille
und hört im Herzen auf zu sein ...
Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in der Vermenschlichung schon halbgöttlich?“
„Die Seele der Dinge?“ hörte er Sigurd hinter sich. „Nun, das ist in diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von ihnen.“
„Ich fürchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ...“ Die Lider halb schließend, blinzelte Georg in die Sonne, „ich meine so: zur Zeit als der Mensch — nämlich der, der er anfangs gewesen sein mag — den Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, — was er damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nämlich die länger als sein Ablauf scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, — da — nicht wahr — hielt er sie für ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also der Mensch — gleich Zeit — gegen Gott — gleich Ewigkeit.“
„Schöne Spekulationen“, hörte er Sigurd kurz hinter sich murmeln. „Vorher, meinen Sie, stand bloß Mensch gegen Mensch?“
„Vorher“, sagte Georg, „nahm der Mensch den andern Menschen als Teil seiner Umgebung, — das heißt, ich meine so: daß Mensch gegen Mensch, gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden, als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenüber der Ewigkeit spürte, so daß dies Gefühl erst wuchs durch jenes.“
„Die Seele also“, fragte Sigurd, „wäre ein — eine Wunde des Daseins?“
Georg versetzte: „Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaßen: der Körper atmet durch Poren, der Geist — durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde; die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre —“
„Freilich,“ hörte er Sigurd erwidern, „die Lust am Dasein, jedes Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen Empfindungen, das Bewußtsein ... Sie wissen ja: ein Hund fürchtet sich beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewußtsein übernatürlicher Mächte, unverständlicher Gewalten und Peinigungen, das Bewußtsein von allem Schmerzlichen und Zerstörenden, das macht erst den Menschen.“