Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott, — wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, — nein, damals schon, — aber ich entsinne mich doch genau, was für Kämpfe ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe Nächte lang — aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles über ihn entschieden war, ehe die Kämpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen, und aus Angst, aber damals fürchtete man sich ja nicht vor der Welt, so getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? — Als ich noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Ich erröte ja noch! dachte er — nein, nein, dies ist ein andres Erröten, ich erröte vor mir selber; ich meinte aber das Erröten vor der Welt, in der Gott war, das Erröten, das von Gott kam, nicht dies aus mir selber. — Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte es auf den Tisch und sagte:

„Außerdem, fällt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche. In der Bibel, mein’ ich. Er sagte nur: ihr dürft nicht. Hätte er gleich zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben —“

„Dann“, sagte Georg, „würden sie sich wohl auf den Apfel gestürzt haben!“

„Wie?“ fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: „Er verbot nur, wie sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, — aber wenn ichs doch tue? — er hat doch gesagt, er wäre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er mußte zweifeln, ihm konnte nichts genügen, ihn hungerte nach Erkenntnis, nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe hinaus.“

Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: „Und schon kam die Angst — Gott hatte noch nichts gesagt! — sie versteckten sich.“ Plötzlich wieder in seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: „Er muß ganz rot geworden sein, als er aß.“

„Wie meinen Sie?“ fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht in den Händen, sah auf den Teppich.

„Das Verstecken“, sagte er, „war eine Dummheit. Schuldgefühl verdammt von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen liebenden, verzeihenden Gott — nämlich deshalb, weil sie ihre Schuld gern für geringer halten, als sie ist, denn sie können nicht abwägen —, der Mann an einen gerechten Gott.“

„Nach dem Talmud“, versetzte Georg.

Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn, bemerkte er, das wären so deutsche Unterhaltungen ...

„Wieso?“