Noch nichts gediehn

Von Frucht und Laub.

Rings Blüte nur ...

Von Süden weht es ...“

Benno, zu seinem Munde herabgebeugt, wiederholte voll Inbrunst: „Von Süden weht es ...“ Dann warf er sich mit einem Ruck hoch, trat weg und setzte sich auf die Bank.

„Ja, da sitzen wir nun im atlantischen Kanal in der Nacht und haben Heimweh nach Deutschland. Wenn wir jetzt Wiener wären und an Wien dächten, so würden wir weinen“, murmelte Georg. Aber im selben Augenblick brach alles immer Unterdrückte mit einer solchen Wucht in ihm los, daß er aufsprang, den Holzpfeiler neben Benno mit beiden Fäusten packte und, die Stirn darangepreßt, ächzte:

„Verstehst du es denn, Benno, ja versteht es denn ein Mensch, was das heißt, nicht mehr zu wissen, woher man kommt? Und ich, Benno, ich, der immer so stolz war auf Ahnen und alle Vergangenheit und Zusammenhänge, und daß all das nun Lüge war, Unsinn, gemeine, scheußliche, stinkende Lüge und Irrtum —“ Er brach ab und schüttelte sich.

Einen Augenblick später sich wieder aufrichtend und Haltung nehmend, trat er von Benno fort und lehnte sich mit dem Leib gegen die Brüstung und über das Meer. Hinter sich wußte er Benno, der so still in sich saß vor Scheu und Ergriffenheit, daß sich keine Muskel und keine Faser an ihm bewegte. Und wiederum erschien da, abgewandt, hingehend, die unsichtbare Gestalt Renates ...

Seltsam, seit wann ist das nur, daß ich sie so sehe? fragte sich Georg. Und woher gerade diese Bewegung an ihr? Es giebt ja wohl keine Stellung oder Lage, keine Tätigkeit und keine Bewegung, in der ich sie nicht geträumt hätte — woher nun diese? Als ob sie selber, indigniert, sich von mir fortwendete, jedesmal, und davonginge. Habe ich sie totgeträumt? fragte er sich erschrocken. Ja, ist mein Gefühl noch immer so stark wie im Anfang? Ich glaube — — nicht ... Ach, Renate, Renate, warum stehe ich denn hier über dem finstern Atlant, kalten Gewässern und landfremden Schiffen? Du bist es doch, die gilt, einzig gilt! Dich zu krönen, aus den Sternen den Thron, für dich, für dich, das ist doch — nun, wenn nicht das Ziel selber, doch der Leib, in dem es sich irdisch darstellen muß, um möglich zu werden. Nein, nun ertrage ich es nicht mehr. Dies ist ja eine dergestalt menschliche Angelegenheit, daß tatsächlich nichts weniger helfen kann als Fels und Meereswoge. Ich muß unter Menschen. Die Maske muß probiert werden, das Herz angestoßen werden auf reinen oder unreinen Klang.

„Wie ist es, Benno,“ sagte er, sich umwendend, „wenn wir morgen fahren, kann ich noch eben rechtzeitig zur Einschreibung ins Semester kommen.“