„Einmal mußt’s ja sein. Nun ist’s zu spät.“

Georgs Zunge bewegte sich schwer. „Wieso: zu spät?“

Sigurd bückte sich tief, den einen Fuß anhebend, zupfte an einem Faden im Hosenaufschlag und riß. „Um sie zu halten“, stieß er dabei undeutlich hervor.

„Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen“, witzelte Georg unglücklich.

„Halten kann man sie schon“, äußerte Sigurd verdrossen und sah in die Luft. — Sonderbar! Das war ja fast wie ein — ein Wink? — Indem fiel Georg ein, daß Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug auf Esther. War es das gewesen? — Er? Konnte er sie, hätte er sie halten können?

Sigurd war aufgestanden. „Also auf Wiedersehn, Georg“, sagte er, ihm die Hand hinhaltend, während er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel nahm. „Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stören.“

„Adieu, Sigurd.“ Sigurd stieg die Stufen hinan. „Vielleicht versuchen Sie’s doch noch mal selber!“ rief Georg ihm nach. — Sigurd öffnete die Tür, schwieg, sagte dann: „Ach was!“ und ging hinaus.

Georg stand verstört. Vor sich niederblickend, entdeckte er plötzlich die farbigen Bänder auf seiner Brust, faßte wütend nach dem Porzellanknopf im Rücken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte wütender daran, bis er die Bänder endlich losgerissen hatte, schnellte sie hervor, ballte sie zusammen und schmiß sie auf den Tisch.

Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wäre, würde ich mit ihr in die Gegend fahren, und niemals käme sie fort, niemals! — O, wie verstört sie war! Warum? Warum? — Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn in die Hände und fühlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder nicht? —

Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem verwünschten Festabend, — das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war Esther, wenn sie frühmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem verstauchten Fuß, und die langen, langen Tage. Und dann dies, — war es denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschädliche Weise lieb und werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tür zum Garten, lächelte zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die ganze Last von — Päonien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm ihre Hände und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche Gefühl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was Prächtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist’s Ihnen recht? — Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf, ein — ja ein Lächeln gleichsam auf Stelzen. Sie ließ seine Hände los und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.