Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, während der er sie nebenan gehen und hantieren hörte, Vasen zusammentragen, Stiele abschneiden, vor die Tür und an die Wasserleitung treten, und hörte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in den Gefäßen, saß er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und sagte sich schließlich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch, sie also auch, — ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft ungeschlacht gewesen. Sie wußte es nicht, und nun weiß sie’s.

Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also für einen Übergang, auch hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Süße, durch die ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, außer wenn sie lachten oder viele Menschen zugegen waren.

Eines Tags aber, würgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darüber das Oberkleid vorn offen und nach rückwärts geschweift, so daß es leicht wehte beim Gehn; es war wie Flügeldecken aus goldener, bräunlicher Seide, ach, und ihr Hals, ihr Hals! — Aber dennoch, — wenn ich es formulieren wollte, so wäre es so: Wäre Renate weniger schön, so würde ich sie lieben; wäre aber Esther weniger schön, so würde ich sie nicht lieben. Das soll heißen, daß ich Renate liebe wie einen schönen Gegenstand (zum Beispiel die Venus von Milo), und nur das Zufällige ihrer weiblichen Gestalt und der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther dagegen, — ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war, — o sie war ja klug und alles mögliche, aber eigentlich war sie doch nur ein süßes Wesen, ja ein so süßes Wesen, daß ich eben unwiderstehlich davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und — und was sollte denn daraus werden? schloß er langsam und stand auf.

Er öffnete die Gartentür, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging ins Zimmer zurück, erregter, angstvoller, wartend, daß sie komme.

Renate, schlechterdings, sie war zu einer fürstlichen Stellung geschaffen und gehörte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom Tisch unter der Lampe, blätterte, suchte und fand die Stelle:

Kai tote dä Kronidäs afiei psoloenta keraunon,

Ka d’epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;

Dä tot’ Odysäa prosefä glaukoopis Athänä ...

Halblaut übersetzte er:

Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, daß er hinschoß vor der strahlengeäugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus sprach die strahlengeäugte Athene ...