Das war sie. Eine Göttin in Menschengestalt, Fürstin, Herrscherin, kluge Beraterin, ein Kunstwerk. — Er schloß das Buch, legte es hin, und nun erschien ihm Renate in ihrem weißen, sommerlichen Faltenkleid mit viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweißen Korallen, die tief herunterhing, um den Hals, ohne Gürtel und mit weit offenen Ärmeln. So stand sie in der Kapellentür wie ein Legendenwesen, so saß sie an der Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so war sie, stets würdig, stets Anmut, stets Kühle, eine schöne Weisheit in Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grübelte er in Büchern herum, endlich begann es ihm zu dämmern, seine Kinderstube erschien, und ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, — von Richter? Richilde — stand in verschnörkelter Schrift auf einer Seite, ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbärtiger Ritter kniete vor einem Walfisch, aus der Kelchblüte einer großblättrigen, stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier nach einem Jüngling, der hinter einem Paar schöner, weißer Stiere schritt, — Libussa. — Flugs stieß Georg einen Sessel zur Seite und langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig, schlug es auf und fand nach einigem Blättern und Verweilen die Geschichte Libussas, der Elfentochter, der späteren Herzogin von Böhmen, welche die drei höchsten Güter in sich vereinte, nämlich Weisheit, Schönheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefühl erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen, zumal gegenüber den kriegerischen Werbern, — ja, wollte Esther denn noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, daß jenes Knabengefühl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr weißes Leibroß, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? — Ein rechtes Märchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. — Folgende Stelle las er mit Vergnügen:
‚Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen: so genügte ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mütterlichen Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewußtsein ihrer Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhäusern herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das Hausregiment, erteilte den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrückten und Preßhaften freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre Gemütsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und züchtig, wie es einer edeln Jungfrau ziemt.‘
Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: ‚Sie nahm mit bescheidenem Erröten die Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.‘
O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther? — Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.
Das Licht hatte sich verändert draußen, die Schatten waren tiefer und länger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor dem, was kommen sollte oder könnte, trat wieder in die Tür zum Garten, der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrün mit schönen großen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und Roteiche, unter dem reinen, erlösten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Füßen, kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fünften Schritt leicht nach innen schlug.
Indem hörte er hinter sich die Tür, Esther stand drin, sehr blaß, in dem Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und Ärmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas wie: Sigurd hätte ihm wohl alles gesagt.
„Wann geht dann das Schiff?“ fragte Georg.
„Mittwoch.“
„Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?“
„Ja, ich fahre am Sonntag.“ „Und morgen“, sagte Georg trübe, „muß ich wieder auf Mensur.“