„Schon wieder?“
Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hängende Hopfenranke über Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, daß sie immer irgend jemand liebte, so heißt das wohl auch, daß sie mich alsbald vergessen wird, — und verstrickte sich derweil in umständliche Erklärungen: daß er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe —
„Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen?“ fragte sie lächelnd. Sie meinte das schwarze Stück über der Gazekompresse, das er zum heimlichen Gespött aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los geworden war. Er bejahte und fuhr fort: daß die Mensur ungenügend beurteilt worden sei; daß er Reinigung fechten müsse, und nun habe es sich über die Ferien hingezogen, während er doch für dies Semester seinen Austritt geplant hatte, und schließlich würde er morgen einen so scharfen Gegner bekommen, daß — ja also daß sie sich heute wohl zum letzten Male sähen ... Dies schien sie gewußt zu haben, denn sie antwortete nichts.
Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst, das unbeschreiblichste Grün, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Bläue der Luft; noch höher wehten weißliche Geister aufgelöst durch den Oktoberhimmel. Ach, wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! — Sie sagte, es würde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen Garten gehen zu können, und Georg murmelte etwas Unklares von Kalifornien, Palmen und: auch sehr schön ... Dann setzten sie sich auf die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hände lagen im Schoß.
Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefühlt, halb leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel. Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine verspätete Mücke setzte sich auf seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit einem Versuch zu scherzen:
„Und nun will so ein kleines Mädchen ganz allein über das große Wasser fahren?“
„Der gute Jason“, sagte sie — dies war ihr letztes Lächeln! — „wird mich bringen. Merkwürdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im vollsten Ernst. Er hätte längst mal nach Amerika gewollt, sagte er.“
Jetzt wird sie in Tränen ausbrechen, dachte Georg und vermied den Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurückgespannten Haar, die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene, bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. — Um nur etwas zu sagen, fragte er: „Warum der gute Jason?“
„Ich weiß nicht“, meinte sie nach einer Weile. „Einmal, das fällt mir ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! — Ich mußte so lachen.“
„Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen können, wie mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?“