Jetzt beginnt nun auch Jason al Manach, dies fremde Wesen, auf der Bank neben der Haustür zu sitzen, einer kümmerlichen, weißen Kellerpflanze ähnlich und zuerst klagend, das Licht stürze sich wie brennende Vogelschwärme in seine Augen; aber das Brennen hörte auf, nicht nur seine Augen, sondern auch Lungen und alle Adern sogen still, er genas.
Viel habe er überstanden, sagte er heut abend zu mir und Magda. Sie stand in der Haustür nahe bei unserer Bank, über den drei Stufen, ach, so gebrechlich aussehend von der übermäßigen Anstrengung der Pflege, in ihrem schlecht und lose sitzenden Hängekleid von Nessel, das Haar in einem hellen Tuch, unter dem ihre Züge wie ausgewischt erschienen. — Man könnte auch sagen, fügte er hinzu, er habe sich selbst überstanden, und dann sagte er wieder einmal wie in seinen Delirien, aber mit ganz verständigem Ausdruck etwas sehr Sonderbares. Er habe ihn wohl gesehen, den großen Grauen am Fußende seines Bettes; freundlich habe er ihn, den kranken Jason, eingeladen, doch mit ihm zu gehn, aber er habe ihm ruhig geantwortet, daß er doch selber einsehn müßte, es sei durchaus keine Kunst, das Leben vermittels des Todes zu überwinden, allenfalls mit Hülfe des Sterbens, womit er sich ja auch eingehend beschäftige, aber solange es nach ihm gehe, wolle er nicht völlig sterben, sondern vielmehr so gesund wie möglich werden, und übrigens glaube er schon längst nicht mehr überzeugt an die Existenz des vor ihm Stehenden, der sich denn daraufhin auch achselzuckend entfernt habe. So gesund wie möglich, wiederholte er bekräftigend — er glaube, es würde ihm noch gelingen. — Magda, schwach und todmüde, begann leise zu weinen, es dämmerte zwischen den Bäumen, aus dem Heckengang quoll die Nacht, Jason blickte gegen den hellen, herniederleuchtenden Himmel oben, wir hörten hinter uns das kleine Weinen rinnen und gedachten des ewigen Lebens.
am 2. Mai
O, das sind garstige Dinge, die sich da zugetragen haben!
Schon längst schien mirs eine fixe Idee von Ch. zu sein, daß der Herzog ihn tödlich beleidigt habe, daß es ein Verbrechen von ihm, dem Ch., wäre, nur einen Pfennig vom Herzog anzunehmen — eine eigentümliche Veränderung der Sachlage —, und daß daher ihm und seiner Tochter nichts anderes übrig bleibe, als mit einer Drehorgel auf den Märkten umherzuziehn. — Nun war er doch entlassen. Magda zeigte mir einen Brief vom Herzog an Ch. vor einigen Tagen; darin änderte er einen ersten Vorschlag an Ch., die Heilanstalt Frankenhöhe aufzusuchen — da er mittlerweile vom Arzt erfahren hatte, daß eine Kur vorderhand unmöglich sei —, in eine Rente nebst freiem Aufenthalt in Helenenruh, Magda zuliebe, die ja so an H. hängt. Der Brief hatte einen fürchterlichen Wutausbruch ihres Vaters zur Folge, hinterdrein ein Schreiben an den Herzog, das er insgeheim Jason diktierte, für den er noch immer eine schöne Sympathie bewahrt. Darin standen Dinge, von deren Unwahrheit Jason wohl überzeugt war, vielleicht auch ist sein Denkvermögen noch immer etwas imaginär, jedenfalls gab er den Brief M., in meiner Gegenwart. Magda las lange an dem Brief, schob ihn dann zu mir herüber, ohne das Gesicht zu verziehen, und sah auf den Tisch vor sich. So las ich denn, daß ihr Vater — auf welche Weise war nicht zu erkennen — Kenntnis erlangt hatte von einem nächtlichen Besuch des Prinzen in Magdas Zimmer (im vergangenen Juli). Ob ihr Vater nun mehr dazu neigte, die Ehe zu verlangen, oder ob er nur einen Erpressungsversuch machen wollte, das war infolge des Jammergeredes, in das er alles wickelte, nicht deutlich zu erkennen. — Als ich endlich aufsehn mußte vom Lesen, fand ich Magdas Augen auf mich gerichtet, so erloschen und hart, daß ich mehr darin lesen mußte als Abscheu vor ihrem Vater.
Im ersten Augenblick war ich so erschrocken — — Ich sah sie aufstehn und das Zimmer verlassen, endlich brachte ichs fertig, ihr nachzugehn, und im Park fand ich sie denn, wie sie wie eine Verlorene schwankend an den Fliederbüschen hinstreifte, und führte sie sanft ins Haus. Sie blieb aber stumm — und was ist auch zu sagen?
Es ist, als sollt es kein Ende nehmen mit den Lasten, die ihr aufgebürdet werden. Sogar bereits Überstandenes kommt nun wieder und trifft sie von neuem und von einer anderen Seite. Gott mag wissen, was er damit will.
Nun, dies wenigstens hat ein Ende, so ekelhaft es bis zur Neige war. Ich will auch dies aufschreiben, um mich später zu erinnern.
Jason schickte Ch.s Diktat an den Herzog mit ein paar Zeilen von ihm selber, in denen er ihm kühl vorlog, daß Ch.s Verdächtigung selbstverständlich aus der Luft gegriffen sei.