Diesen Brief hat der Herzog mit dem von Ch. an seinen Sohn geschickt und ist nach empfangener Antwort gestern hier eingetroffen. Ich sprach eine halbe Stunde mit ihm und hätt es gern länger getan. Ich hielt ihn für einen ergrauten Mann in den Fünfzigern, aber nun ist er kaum fünfundvierzig und sieht aus wie Ende Dreißig, ein wenig zu bärtig, aber kühn, und ein Riese, wenn er sitzt. Ihn gehen zu sehn, ist freilich ein Jammer. Georg also hat gelogen wie Jason, und somit hat der Herzog dem Ch. einfach eine donnernde, ungeheure Standrede gehalten — wir konnten sie in allen Zimmern und bis in den Obstgarten hören — und ihn wahrhaftig damit niedergeschmettert. Das alte Vasallenempfinden hat vielleicht auch mit geholfen, jedenfalls hat er sich geduckt und in alles gewilligt. Der Herzog hat Magda sehr gestreichelt und gutherzig bedauert, daß zwischen ihr und seinem Sohne alles aus sei, denn er hätte sich gefreut und so weiter, und sie solle Helenenruh nur jetzt schon als ihr Eigentum betrachten, erben würde sie es sicher einmal, und der neue Verwalter sei unverheiratet und könne vorderhand im Gestüt wohnen.
Übrigens ist der Herzog ein Filou, denn als der Sandschneider, den er selber kutschierte, den Heckengang hinunterrollte, stand ich gerade am Goldregen und schnitt Dolden herunter, und er rief: Danae! daß es schallte, nickte, freute sich, hieb auf den Schimmel ein und jagte ums Haus, daß die Funken stoben.
12. Mai. (Altenrepen)
Nun hab ich mein Mädchen hier, zwar auch den Vater in Kauf nehmen müssen, aber es ist gut so, und mich wird er nicht stören. Er hat nicht in Helenenruh bleiben wollen, nun wohnen sie ganz in meiner Nähe. Leider ist Jason al Manach auf der Reise hierher ihnen abhandengekommen.
Renate ergriff die Feder und schrieb:
18. Mai
Wieder acht Tage nicht zum Schreiben gekommen. Am Tage nach ihrer Ankunft legte Magda sich mit Lungenentzündung; von der Pflege der Andern, von aller eigenen Pein entkräftet, lag sie auf das schwerste danieder, dies arme Herz weigerte sich, weiterzugehn, und sie begehrte innig, zu sterben. Diese Gefahr ist nun vorüber, gebe nur Gott, daß es endlich die letzte war!
So darf ich denn wieder anfangen, an mich selbst zu denken, denn der gute Saint-Georges wartet schon lange ungeduldig mit seiner Geschichte der Vereinigten Staaten, damit ich ihm die in englischer Sprache geschriebenen Bücher deutsch vorlese; das wird eine schöne und keine leichte Arbeit werden.
Und Ulrika und Irene warten auf Musik. Josef, ob du merkst, daß du vermißt wirst? Freilich mehr dein Cello als du, und dies ist leider nicht unersetzlich wie du. Saint-Georges hat mir einen Cellisten versprochen; er trägt den etwas verqueren Namen Sigurd Birnbaum und studiert Medizin.
Wohlan, der Tag scheint gefüllt!