Bei Saint-Georges
Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde einigermaßen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefängnismauer an der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Straße, die sie sich freilich anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, — und gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer häßlichen Häuser aus rotem oder gelbem Backstein — trübe und schmutzig vom Ruß der Fabriken —, und dieses war gelb obendrein. — Welch ein Gedanke, dachte sie, gegenüber vom Gefängnis zu wohnen! Aber paßt er nicht irgendwie zu meinem stillen Georges? — Noch fiel ihr sein gelähmter Bruder ein, als sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhüllt von einem Schwaden von Gerüchen — Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafür waren die Wände mit um so köstlicheren, freilich bereits abgeschabten und zerbröckelten Malereien bedeckt — eine Schneelandschaft mit Rehen sah sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr denn doch einigermaßen zu bangen an vor der möglichen Ärmlichkeit seines Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im Winkel zusammenstoßenden Türen seinen Namen auf einer Besuchskarte, die an einem Reißnagel hing — auch das wenig versprechend —, und darunter war eine Porzellanklingel mit gräßlich hart aussehendem schwarzen Knopf. Das war er auch, als sie darauf drückte, wobei er mit zähem Widerstreben einen Ton aufspringen ließ, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber, beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun zufrieden? — Renate hatte während des Wartens das peinliche Gefühl, einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrückt zu haben, was sie ein wenig wieder erheiterte.
Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in der Tür wurde — zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen Überraschung — statt des erwarteten Dienstmädchens der graue Kopf eines freundlichen und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr „Herr Saint-Georges erwartet mich!“ in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: „Bitt schön, die Glastür zum Herrn Doktor!“ und lächelnd zur Seite trat. Sie ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszähler, einem Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorüber und zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte, weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschluß, hob sie sich ein wenig auf den Zehen und spähte hindurch.
Es war — erfreulich zu bemerken — ein sehr großer Raum, der sich langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der langen Wand, den vier Fenstern gegenüber, durch deren Gardinen sie noch eben die Bekrönung der roten Mauer und weiter zurück die vergitterten Quadrate einiger Gebäude mit flachen, grasbewachsenen Dächern gewahren konnte. — Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefängnis, benehme ich mich wie ein Spitzbube, — und brachte die Augen getrost näher ans Glas, sich tröstend, das Zimmer sei leer. — Im Gegenteil aber saß am Fenster ganz links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. — Das war sein Bruder; am Gesicht wäre die Gelähmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke nicht von ihr gesprochen hätten. — Da sah sie ziemlich in der Mitte des Zimmers rechts, ihr den Rücken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so hübsch angezogen, daß sie näher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner grüner Strohhut mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die im Bogen tief herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdütig auslaufenden Ärmel war weiß — Piqueeleinen augenscheinlich —, die Taille aber, die Brust, Rücken und noch die Hüften fest und schlicht anliegend umschloß — war aus einem buntgeblümten Stoff — Rot, Gelb und ein wenig Grün auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein über das andere gelegt, die Hände im Schoß, weiße Schuhe und Strümpfe, — und nun wandte sie auch das Gesicht nach links hinüber, so daß ihr Profil, zart mit vorgewölbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien, war für Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tür mit Giebel an der linken Querwand. — Wieder rechts hinüber schweifend, schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen großen, dunkelhaarigen Menschen, der sich quer über einen langen, schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer Reihe von dastehenden Büchern eines herauszulösen.
Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.
Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flügels zur Linken Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte sich um und zeigte ihr ein langes, schönes Gesicht mit dunklen, ein wenig schwermütigen Augen. Alle Wände waren bis zur Decke, auch die Zwischenräume der Fenster mit Bücherreihen bedeckt.
„Guten Tag, Georges“, sagte sie.
Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gäste vor: „Fräulein Cornelia Ring und der Student Sigurd —“
Renate hörte vor Überraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen nicht mehr. Eilfertig im Unterbewußtsein suchend — denn bewußt hatte sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht — fand sie irgend etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, — nun diese muntere Bereitwilligkeit der rundesten Augen von der Welt ...?
„Aber wie mich das freut!“ sagte sie, ihre Hand ergreifend. „Josefs Freundin, nicht wahr?“