Die errötete lächelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne geworden, daß der schöne jüdische Mensch Saint-Georges’ neuer Cellospieler sein mußte, und reichte auch ihm die Hand, die er mit linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein langer, im oberen Stück heruntergebogener Haken, die geröteten Backenknochen standen ein wenig vor. — O, der gefiel ihr! Und wie fest und warm seine Hand war!

„Und hier ist mein kleiner Bruder“, sagte Saint-Georges.

Rasch hinübergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rührend in seinem flammenden Rotwerden — das, da er keine Hand bewegen konnte, alles sagen und geben mußte —, daß sie ihn auf die Stirn küßte, worauf er ganz erschreckt „O danke!“ sagte.

Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Böcken voller Papiere und Bücher. Daneben war noch eine braune Tür, und in der Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plüschsofa vor einem ovalen Tisch und ähnlichen Sesseln; aber ein sehr schöner türkischer Schal, ein Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstück, hing über dem Tisch.

Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa saß, die Cornelia im Stuhl neben sich, während Sigurd Birnbaum sich an dem Bücherstreifen neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. — Ja, Fräulein Ring suche eine Anstellung, erklärte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter, aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nämlich wisse Rat für alles. — Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!

„Sie tun immer so,“ grollte er, „als ob Gottweißwas an mir wäre, und dabei bin ich — bin ich —“ Er schloß, augenscheinlich keinen Grad der Niedrigkeit findend, mit einer verächtlichen Handbewegung und stellte sich an die Bücherwand, trotzig.

„Wie man alten Schweinslederbänden neuen Glanz verleiht,“ sagte Saint-Georges lächelnd, „wie und wo man einen vor fünf Jahren in einer völlig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz über den Anteil des rumänischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, — wie man für einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Pässe und Gönner in Amerika findet — — und so weiter, nicht wahr, Sigurd?“

Der mußte wider Willen lachen, gebärdete sich aber ergrimmt.

„Und Sie suchen eine Anstellung?“ fragte Renate Cornelia. „Ja, was können Sie denn Gutes?“

„Gar nichts!“ lachte sie munter, „das ists ja eben. Alles, was ich gelernt habe, war Singen — bis mein letzter Lehrer mir die Stimme verdarb. Und da —“ sie verstummte.