„Unter diesem Getümmel das reinste Herz“, sagte Georg anerkennend. Da waren sie wieder am Ende, und Renate bat, sie noch um den See zu fahren.
Während sie auf dem hohen Ufer um den tiefliegenden Teich voll Himmelsblau und Wolkenballen hinrollten, biß Georg die Zähne zusammen und verschwor sich, daß er an Renate und alles andre seine Seele setzen wolle. Ich habe sie doch immer geliebt, sagte er sich zornig, ich kann ja nicht los von ihr. Bin ich nicht etwa der Einzige, zu dem sie paßt? — Er fand keine Worte mehr, still schweigend fuhren sie dahin, ununterbrochen klangen die kleinen Schellen, trabten die acht Hufe. Georgs Sinne verlangten nach einer verdreifachten Schnelligkeit und zuckten zugleich vor Schreck, wenn ihm einfiel, daß alles gleich ein Ende nehmen würde. Der See lag schon hinter ihnen, da glühten die Sportswiesen zur Rechten weithin dunstig in der Sonne, rot- und weißgestreifte Hockeyspieler sprangen in wilden Zuckungen hin und her, nun rollten sie in den Schatten der großen Bäume, da stand der Obelisk am Wassergraben, der Weg bog zur Rechten aus, sie waren wieder im Freien, neben der Hecke, an den Wiesen, dumpf polterten die Hufe auf der kleinen Holzbrücke, Baumschatten nahm sie auf, rechts dunkelte der Graben, hinten erschien der gelbe Mauerputz des Schlößchens im bewegten Grün. — Ob ich ihr nicht eine Andeutung — ein ...? Aber er wagte kein Wort. Seine Hände glühten in den Handschuhn, er ließ die Zügel locker, die Pferde fielen zum erstenmal in Schritt, er sah, wie sie gleichmütig dahinschritten, wie Kühe mit schaukelndem Rücken. Die Hälse gingen tief nieder und empor, das Vorderpferd hob den Kopf, schüttelte ihn und grunzte. Wie still es war! Es ist Wahnsinn, dachte Georg, aber wie kann ich sie ungeküßt lassen?
„Nun, wars schön?“ fragte er freundschaftlich. Sie nickte und meinte, es führe sich sehr angenehm und leicht. Duft ging unbeschreiblich von ihr aus. Es flimmerte vor Georgs Augen. Blaue Stürze von Himmel brachen durch das Gewimmel der Wipfelzweige, laut schlugen Buchfinken. Drei Spatzen tummelten sich im weißen Staub der Straße, schimpften und flatterten schwärzlich auf vor den Hufen. Da standen die Kandelaber vor der Rampe, da der große schwarze Kasten von Automobil am Rande des Rasenplatzes, und der Kutscher ging schon um den Wagen und bückte sich und warf den Motor an. Die Pferde standen still.
Georg, kalt vor Erregung, Bitterkeit im Munde, schleuderte die Zügel unbekümmert über die Pferde hin, daß sie erschraken, vortraten und der Wagen anruckte, während er absprang und nach der andern Seite herumlief, um Renate selbst herunterzuheben. Das Herz schlug ihm süßlich, als er ihre Hand, ihre Last auf der Schulter spürte. Sie wechselten noch irgendwelche Worte, sagten: „Auf Wiedersehn!“ Dann sank sie in die Tiefe des dämmrigen Wageninnerns zurück, der Motor murrte und rasselte, und alles rollte mit langsam knurrender Schwenkung auf die Wegmitte und davon. Georg las noch lange ohne Gedanken die Nummer auf dem Schilde unterm After der Karosse, stand und wußte auf einmal nichts mit sich anzufangen. Ja, was nun? dachte er. —
Danach stand er beim Vorderpferde, das den Kopf auf seine Schulter legte, tätschelte ihm den festen Hals, atmete den Geruch von Roßhaar am Gesicht und sagte sich: Was war nun das? Eine halbe Stunde Pferdelenken. Die Gäule verkauf ich morgen mit Gewinn an Prinz Taxis, was soll ich mit einem Tandem? Unkas genügt mir. Da bin ich mit einer schönen Frau über den Korso gefahren, und wir haben geplaudert. —
Der Groom sagte etwas, Georg antwortete etwas, wandte sich um und sah am Rande des Rasens eine Dame stehn, in einem fliederblauen Kleid, verschleiert, die mit der Spitze des Sonnenschirms zwischen den Halmen stocherte, und es war Cora. Hatte sie ihn gesehn? Aber natürlich! Er bewegte sich, sie sah auf und tat, als sähe sie in diesem Augenblick, daß er es sei. Nun ging er auf sie zu, unwissend, was kommen würde, aber entschlossen, daß nichts ihn bekümmern sollte. Sie blickte ihm gerade in die Augen und sagte:
„Bereits außer Dienst gestellt, Prinz, oder nur à la suite?“ Über sein langes Fernbleiben also glitt sie stillschweigend hinweg ...
Er fragte, ob sie einsteigen wolle, aber sie antwortete gar nicht. Abgewandt stand sie da, Georg stumm neben ihr und verbissen.
„Zeigen Sie mir lieber Ihre Wohnung,“ sagte sie spitz, „wo waren Sie so lange?“
Ich will nicht antworten, dachte er und bemerkte obenhin, es sei ein schöner Tag, und er wäre viel unterwegs gewesen; übrigens schien sie keine Antwort zu erwarten, entspannte einen apfelgrünen Sonnenschirm und setzte sich in Bewegung.