Auf dem Flur, im Zimmer sah sie sich mit leichten Bewegungen des Kopfes im langsamen Vorbeigehn alles an, ließ sich den Schirm abnehmen, blieb dann vor einem kleinen Ölbild stehen, das am Boden stand, an den Schreibtisch gelehnt, eine Bulldogge, von Bogner gemalt.

„Ach,“ sagte sie entzückt, „das muß von Benvenuto sein! Es ist herrlich, der Mann ist ein Genie, finden Sie nicht? Schade, daß er so selten hier ist, haben Sie von dem Riesenauftrag gehört? Ich habe ihn kaum zu sehn gekriegt, ich bin jetzt viel allein, mein Mann ist verreist, — ja, er hat sich überarbeitet, — nein, dieser Hund! Wie er dasteht! Aber möchten Sie so einen Hund haben? Er ist doch zu häßlich! Ich kann Bulldoggs nicht ausstehn, Herbert wollte immer einen haben, — Gott, wenn man keine Kinder hat! wir hatten auch mal einen Terrier, aber er roch so ... Sie sehen gut aus“, sagte sie, vor ihn hintretend.

Sie hatte den Schleier hochgeschoben, er sah ihre matten Augen, das blasse Band von Sommersprossen darüber, den verwischten Mund, die in der Mitte breiten Lippen, dann wichen ihre Augen aus, sie ging an ihm vorüber und mit ihren weichen Seitwärtsbewegungen im Zimmer umher. Georg trat an ein Bücherregal zurück, stützte, die Hand am Hinterkopf, den Ellenbogen dagegen, sah ihren Hals von hinten und den goldbraunen, flachen Strohhut, wie sie sich über den Schreibtisch beugte und Esthers Photographie in die Hand nahm. Doch war sie eigenartig, und ihm ward lüsterner zumut, er spürte ein hitzig glühendes Schwellen am Leibe, dachte, er wollte hinter sie treten, ihren Kopf zurückbiegen und — bloß sie haben, ja so bloß ... Da sah er Esthers kleines, photographiertes Gesicht in ihrer Hand, ihm fiel ein, wie er hier zum erstenmal eingetreten war nach ihrem Tode, wie er sie dann überall verspürt hatte, immer hinter sich; wenn er am Klavier saß: im Nebenzimmer, wenn er am Fenster stand: am Klavier, — aber empfinden ließ sich das nicht mehr. Dann war er in den Taunus gefahren ... Esther war lange tot. —

Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich wieder, stand in der Tür zum Nebenzimmer. Er glühte auf, ging auf sie zu, trat hinter sie, faßte ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf fiel ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Gesicht lag an seiner Schulter, sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepreßt. Er legte den seinen darauf, preßte, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich, er fühlte ihre Zähne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fühlte ihre Hände auf seinem Rücken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoßweise auf und nieder, während ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemstöße sich vermischten, er riß ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie griff zu und riß die Bänder an der Untertaille auf, und er hatte ihre linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da wankten sie, — oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wütend jagte es ihm durch den Schädel: das verschlossene Zimmer! Er ließ sie los, griff die Schlüssel aus der Tasche, lief, die Türen aufstoßend, durch Bade- und Schlafzimmer zur Tür, schloß auf und öffnete, ohne umzusehn. Er zauderte, kehrte langsam zurück, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang sich bis zur Tür des Zimmers, wo er sie niederlassen mußte. Sie, ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum, während ihm die seinen überquollen vor Gram über die Schändung des Heiligen, so daß er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, über die Fenstervorhänge von Cremeweiß fliegenden Reiher. Dann erschien, schräg im Raum mit dem korngelben Teppich am Fußboden, der dunkelviolett überspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrün, Fleischfarbe und Weiß, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem Ebenholzschemel gefüllt mit imaginären Blumen. Und endlich mußte er gegenüber der Tür das Himmelbett sehn, meergrünes Gewoge von Falten und Bäuschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Säulen blitzte und — unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle Leuchte — der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des Betthimmels. Indem sah er Cora vorwärts gehn und das ovale, in rosene Marmorwülste gefaßte Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein silberner, fadendünner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir zerstäuben sollte, wenn — — Georg verließen die Sinne. Aus den großen farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht auszudrückende, nicht zu beschreibende, — nicht weiß, nicht rosen, nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee, und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe, Äußeres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Süße von innen, — Renate! — Georg zuckte.

Mit geschlossenen Augen saß sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in den Händen verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hände von sich, die kalt und schweißig waren. Sie rührte sich nicht. Da kniete er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das Korsett, violett, abscheulich, — wie dick ihre Beine waren! Er hörte sich schnaufen, zerdrückte das beständige Gefühl vieler Scheußlichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein kommen, streifte Hose, Strümpfe, Schuhe herunter, sie fühlte sich kalt an, das Hemd ließ er ihr noch, während er sich auszog, nichts denkend, gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl? aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte aufstehn und hingehn, aber da schrie er wütend: Bleib! riß das steife und verwickelte Manschettenhemd über den Kopf und stürzte sich über sie, fühlte sie und sich kalt und unbehülflich, dann bäumte sie sich und umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, über ihren Kopf, ihr verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch ihn hin: Esther — — Renate — — Welche war es? Süß quoll es in ihm auf: Cordelia! — Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich, er fühlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und schmolzen, und er würgte sich in sie hinein.

Cora

Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es donnerte in der Ferne, — ihm war heiß, das Federkissen lag an der Erde, die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hüften heraufgerutscht, scheußlich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie an den Mund, trank lange, ließ die Hand mit ihr zu Boden hängen, den Kopf vornüberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die größte Wollust des Lebens. — In allen Gliedern merkwürdig leicht und gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich im ungeheuren Gähnkrampf und dachte: Ach, ich möchte auch ein Gewitter sein! — Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!

Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlüge ein und Cora ginge dabei tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht für Gedanken. — Er sah sie an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begräbnis, munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner rollte wütend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tür auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend dahinbrüllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich fürchte.

„Fürchten nicht,“ sagte sie matt, „aber man regt sich doch auf.“

Sie glitt durchs Zimmer zur Tür gegenüber, öffnete, glitt hindurch, Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte er kümmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich zugrunde zu richten? Wie werde ich sie bloß wieder los? — Er rollte sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, daß alles knallte und krachte, sprang in wüsten Sprüngen, tobend, lärmend, um sich hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstürzend, Züge voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete endlich in langen röchelnd rollenden Stößen und ward still, während Cora erschreckt im Türrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.