Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn, mädchenhafter aussehend mit dem gelösten Haarschopf. Sie sagte theatralisch, sie möchte nackend draußen im Regen liegen und mit Blitzen spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.
Georg sah sie nebenan in dem königlichen Bett liegen und würgte an trocknen Verwünschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was wohl einmal, man umschlingt sich und genießt sich, aber einmal doch bloß, einmal! Ach, daß zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang, acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmöglichkeit! Ich schwöre, daß man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen darf, nicht mehr! Oder es müssen Wochen und Monate vergehn, bis man das erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an gehaßt, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine Frau gebohrt zu haben, — aber, dachte er, wenn ich schlaff — zusammengekrüllt wie ein welkes Blatt oder — wie so eine aufgestochne Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun bloß wüßte, was sie von mir will! Bloß so: nicht wieder weg? Geld? nein, das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete, und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch Scheu davor. — Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden, bald darauf schlief er ein.
Beim Erwachen fiel ihm ein, daß — wie eigenartig! — Himmelfahrt sei. Er mußte schlecht geschlafen haben, fühlte sich dumpf und unklar, kam erst einigermaßen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der Gartentür im Sessel saß, angesichts des gewaltig herunterströmenden Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbäume erschüttert und duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frühstück hinter ihm vorüber nach nebenan. Er gähnte krampfhaft, legte sich mit geschlossenen Augen zurück und genoß die Wohltat des großen Rauschens und der fallenden Gewässer, spürte aber alsbald den Angstdruck in der Magengegend, ruckte wieder empor, saß fröstelnd, die Handknöchel reibend, und begann zu überlegen. Wenn er abreiste, — ja, wohin? Und wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaßen unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er fühlte den Druck in der Magengegend stärker, die Gedanken zerstreuten sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte über sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz groß und stürmisch empfinden, und als er wieder die Tür des Schlößchens öffnete, hatte er das Gefühl, daß etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der Diener sagte, Fräulein Chalybäus habe aus Berlin angerufen; sie würde nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn? Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mußte warten.
Als er ins Zimmer kam, saß Cora am Flügel und klimperte aus irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie wert waren. — ‚An E.‘ stand da.
Träumerische Stunden lang
Senk ich mich in deine Ferne
Wie in einen Glockenklang,
Den ich zärtlich lieben lerne ...
Lieben lernen? Einen Glockenklang?