Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hände waren nichts. Rötlich, ausdruckslos, nicht groß, nicht klein; die Zeigefinger waren schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier — oh der Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte Georg, daß ihre Augen — hart waren, im Schnitt und Eingefügtsein in die Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da waren die zwei Fältchen links und rechts. Diese Fältchen, dachte Georg, werden dafür sorgen, daß ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt, rundlich, weich, die Züge unverändert, nur die Frische, die wird eines Tages verschwunden sein — ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie — hart geworden sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! — und alt ...

Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner Richterlichkeit. Sie war reizend — und er mochte sie nicht. Und ihn bangte wegen Bennos. — Habe ich nicht immer für ihn sorgen müssen? fragte er sich gerührt, ihn sitzen sehend in seiner Übergossenheit von Seele und Seligkeit.

Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Kühler herein und stellte Spitzgläser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.

„Ich dulde es nicht, Georg!“ empörte er sich, „es ist unerhört von dir!“ und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, daß der Wein das Tischtuch überschäumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen Trinkspruch auszubringen, anzustoßen und einen Schluck zu nippen.

„Aber was wird nun Renate sagen?“ spottete er, das Glas niedersetzend. „Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr —, und nun ...“

Oh dies ewige, mühelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! — Georg, dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte, sah und hörte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! — Da war Esther, da war die ganze Stadt voll schöner, sanfter Frauen, — und er nahm diese endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergänzung? Hatte er denn je ein Verlangen nach Leichte und Fröhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja gewöhnlich, Benno, siehst du’s denn nicht? Ihre Mutter möcht ich gesehn haben, dann wüßte ich alles. — Und nun hatte Georg auch ein ungefähres Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rührenden, jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschöpf, das er unbewußt irgendwie als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese kleine Tänzerin oder Sängerin meinetwegen, Elfriede Krumm, — na, für den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als gemein — aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblüte aufzutun. Eine seltene Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden und irren lassen, oder ob also doch ein Stück vom Bürger in ihm steckte, den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein kleiner Spießbürger. — Ganz heiß ward ihm da im Gedanken, dieser süße versilberte Engel könnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie nicht lacht? — Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetäre nähme! Oh Benno, es wird ein Unglück geben!

„Wißt ihr, fahren wir doch gleich zu Renate,“ mischte er sich mit Bewußtsein wieder ins Gespräch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)

„Aber meine Mama ...“

„Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.“

„Im Dogcart, Georg?“ Benno, sein Glas in der Hand, mußte es schnell niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu können, die ihn unwiderstehlich schüttelte, während das Mädchen errötete, unwillig schien, ja sichtlich einen bösen Blick unterdrückte, — und Benno unterbrach sich jählings im Gelächter, nun furchtbar verlegen.