Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mußte es einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist nichts geschehn). Es war so warm, daß ich unterwegs das Verdeck zurückschlagen ließ, und so war es schön, durch den weiten Frühling zu fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrünen, saatgrünen Flächen, auf den Himmel zu, den weit fernen, bläulich weißen, goldgestreiften von der tiefen Sonne, an den kleinen Gehöften vorüber, die stets schräg mit der Stirnseite zur Straße stehn, unter Bäumen, kaum ergrünten. Einzelne Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon draußen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten, hörten mit Käuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetüm, in dem ich, hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.

Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar hundert Meter vor mir am Rande der weißen Straße dahinwandern, ein wenig krumm und die Hände auf dem Rücken. So läuft er, dacht ich, um die ganze Welt fürbaß in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit dem Rücken gesehn hätte, — aber Reinhold, der ihn kannte, hielt natürlich von selber. Dann saß er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu schönen Orten tragen.

Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heiße er richtig. Eine zahlreiche Familie sei das, vier Söhne, drei Töchter, Eltern, Großmutter und Urgroßmutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie fürchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenständen, besonders die Urgroßmutter, die könnte überhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare Zustände zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nähnadeln, wieder eine habe Angst vor Löffelstielen oder Hutnadeln, und sie ärgerten sich Alle fortwährend gegenseitig damit, das heißt zum Spaß, sie meinten es nicht böse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den würde überhaupt nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von holländischem Likör, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer zwei, drei kleine Schnäpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am Tag. Die Söhne aber seien große Kerle, blond und bärtig, der eine Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die hätten die ganze Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei anwesend. Die Töchter seien alle Drei ein bischen welk und kümmerlich, mit viel Heiratsplänen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei das Tüchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie eine Backbirne und eine lahme Hüfte, oder eigentlich seien es zwei; kein Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf gründete sie ihm eine Praxis, in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hänge es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gänzlich. Eines Tages hatte sie von einer Freundin gehört, daß es in gewissen kleinen Städten Stipendien, Legate gäbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohltätern für Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermöglichen, und die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen Städten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Söhne je ein Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason. Die Mutter würde verherrlicht von Allen, sie wäre ganz ungeheuer geizig, sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen sehn, und wenn man ihr etwas mitbrächte, dürfe man nie unterlassen, zu sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, könnte sie sich freun. Aber nur Kleinigkeiten dürften es sein. Was ist das? sagte sie dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer, zehn Pfennig für solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? — Sie machten noch für viel mehr Lärm, sagte er vergnüglich, du solltest sie einmal hören. —

Auf dem Weg durch den Gemüsegarten kam uns die kleine Nora entgegen, Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den vergrößerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz allein Jason unerschütterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist denn dein Vater? — sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der sitzt auf dem Klosett. — Wie peinlich für ihn! sagte Jason, nun wollen wir bloß nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzückend anzusehn, daß mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nämlich in einer engen grünen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben Ärmeln, kleine Falten quer über der Brust und mit vier spitzen Schößen, vorn, hinten und über den Hüften, gleich den grünen Kelchblättern einer Blume, aus denen die große schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes nach unten schwoll und abstand, — und während so ihr Kleid und Körper eine Blume darstellte, war es ihr ganz glühend rosiges und von Haar goldenes Gesicht, das blühte. Sie erzählte, es sei gerade ein Freund ihrer Schwägerin gekommen, ein Dr. Ägidi aus Stuttgart, Journalist, den ihr Mann durch Doras Vermittelung für seine neue Zeitschrift gewonnen habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der Halle saßen, gingen wir in die ‚Hecke‘ und trafen dort Georg, der im Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heißt er Paul, aber das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.

Wir aßen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, für die Stimmung unter uns. Irene war völlig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so angewöhnt, sich zu erlauben, was ihr gefällt. Ich merkte aber, daß diese Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwägerin und mit Dr. Ägidi zusammenhängen mußte, die mir auch wieder heißer und röter schienen, als selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren — — doch was geht das eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich ergriff und mich, ängstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wäre vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau wußte, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur viel sprach, in dieser unendlich hinfließenden Art, und so sehr jeden, den er anblickt, mit Augen fesselnd, daß man selber zu reden glaubt, — nun, ich werde das nie beschreiben können. Übrigens war Doras Mann nicht anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und schon halb auf dem Wege nach Arosa.

Schön, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und übrigens in einer prächtigen Tunika, die ich mir merken muß, aus einem dunkelblauen, lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und Rankenmuster, die sie über den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen an den offenen Ärmeln und am Halsausschnitt). Ihre tägliche Arbeitsleistung, von der Georg mir erzählte, ist ja erstaunlich. Ich glaube wohl, sie möchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam übertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer hängend. — Wenn ich sie ansehe, muß ich sie für eine schlechterdings glückliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls — —? Was wissen wir?

Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach, nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzählte, als sie im Bett lag, muß ich doch wieder zusammenbringen. Sie hieß, glaube ich: Der liebe Gott und das kümmerliche Telephon, oder so ähnlich und fing an:

Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitürken, sagte der liebe Gott und nahm den Hörer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen Augenblick Ruhe? — Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenüber her, der liebe Gott flucht aber wüst. — Türken, versicherte Jason, wären Heiden und darum würden sie geflucht. Da hörte der liebe Gott ein kleines Mädchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll zu allem gut sein in Jasons sämtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes Kind, du mußt doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie noch? sagte das Fräulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und sagte: Kruzitürken, die kommt ümmer dazwischen, ümmer. — Jawohl, Fräulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, — ja, da hast du wohl zu viel Zwetschenkuchen gegessen? — Ja, sagte das Knasterlein. — Ist denn der Doktor schon dagewesen? — Och, lieber Gott, mein Papa ist doch selber Doktor! — Hier entspann sich, glaube ich, ein großer Streit zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des lieben Gottes, wobei er sich, fürcht ich, damit ausredete, der liebe Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es könnte doch nicht schlafen. Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra, kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi—na—le! — Sprechen Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz leise den Hörer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte, die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen zog und nach einem großen Seufzer und unerschütterlich auf Jason gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemühte. — —

Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, — da er alle Menschen kennt, so kannte er auch Ägidi, von irgendeiner Universität her —, nein, zuerst war ja von Herzbruchs’ Zeitschrift die Rede, von der Sozialdemokratie und — ich weiß nicht mehr, wie das so kam, — jedenfalls äußerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, hätte zwei Fehler, und der eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fällt mir auf? Ein großer Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein, bei den Angehörigen sämtlicher Parteien ganz gleichmäßig. Nun aber ist die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser Mangel sich auf den genannten, nämlich die fehlende Schulbildung zurückschieben läßt, was denn jedenfalls fleißig von allen andern Seiten geübt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle über eine ganz vortreffliche Schulbildung verfügen. Also, sagte er, die Sozialdemokraten hätten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle übrigen Parteien auch an Lebensart übertreffen müßten, oder das Gegenteil würde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den Kopf stoßen, daß eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlaßte ihn wohlwollend, zu dem zweiten Mangel überzugehn. Ja, das sei nun wieder ein Überfluß, fing er frisch an, nämlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender Überfluß an Sanftmut. Drei Mittel nämlich, erklärte er, hätte die Internationale an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur Anwendung zu bringen, nämlich erstens das ein wenig veraltete des allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen Abneigung gegen alles Blutvergießen dieses Mittel für ihn aus. Das nächste sei der Generalstreik natürlich, wogegen er wenig mehr einzuwenden habe, als daß ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem auch dem angedeuteten sanftmütigen Charakter dieses Menschenschlages am meisten zu entsprechen scheine ... nämlich die passive Sabotage. —

Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit überredenden Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen würde. Passive Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter würden in der Arbeit bleiben, und vielleicht sogar ein wenig Überstunden machen. Alsbald würden sich die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den Fabriken und Silos häufen, sie bis zum Rande füllen und überquellen, und die Lebensmittel würden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja womöglich verschenkt werden, und man könnte sich wohl denken, daß jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten Uhrenschlage an verließ kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten, kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise, kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschäftsrädern, Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straßen ergösse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden sei. Fröhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren munteren, rotgestreiften Mützen veranstalteten singende Umzüge unter Entfaltung ihrer schön gestickten Innungsfahnen, und die Straßenkehrer hingen unter Absingung fröhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen und Gummirechen an den Kreuzen längst erloschener Laternen auf. Was sei aber all dies gegen die wunderbare Stille draußen im ländlichen Land. Da wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem Grase überwachsenen Bahndämme, wo die Wärter vor ihren Häuschen mit Frau und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter üppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbäume und Signalmaste schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von Hopfenranken und blühenden Glyzinien entgegenschwenkten, während zu beiden Seiten aller Straßen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblüte und rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drähten farbige Triumphgirlanden, gleichsam über Nacht, geschaffen hätten; an den Straßen übrigens, auf den die wieder hervorgeholten schönen alten Planwagen, mit welchen die bäurische Bevölkerung die mühelosen Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt führten, um sie gegen geringes Entgelt einzutauschen, — auf ihnen erzähle nur selten die bereits überrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine verzweifelte Geschäftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schließlich, da inzwischen auch die Arbeit aus Überfluß an allen Dingen eingestellt sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren Schreibtischen die nimmermüden Erfinder, emsig bemüht, Ideen zu entwickeln zur Ausnützung des Überflüssigen, also zum Beispiel ein Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzüge zu verfertigen ...“