Mitternacht. Leichtfüßig erschreckte Renate der silberne Schlag der kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf einen Blick über ihre Schulter in die dämmrige Tiefe der Wände und verhaltenen Möbel und schrieb weiter:

„Ich mußte mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal draußen, einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen — große Spinnen in den Silberrädern ihrer Netze — die Geschicke weben, ach, zum Heil oder Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das weiß ich, ist besser als nichts. Aber weiß ich denn, ob nicht das meine schon längst über mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht längst schon ergriffen vielleicht, gehalten und — abgetan bin? Denn vom Himmel — wir wissen es doch — vom Himmel stürzt kein jählichster Blitz, der nicht in einem kleinen Korn auf Erden gesät und draus aufgegangen wäre, und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als noch unsre Mutter nicht von uns träumte.

Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurück. Wieder um den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am Kamin, sehe an der Hängelampe vorüber das tief und tiefere, seltsame Blau der Dämmerung draußen, die nur im Vorfrühling so leuchtet, sehe die bleichen Vorhänge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemstöße des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn, das hübsche, schmale, blasse des Doktor Ägidi mit kleinem, kurzem und schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam plätschernden Jason; rechts von ihm das Doras, bräunlich, gerötet, mit starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben, hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen unbestimmt und halb abwesenden Blick schießt, und sein massives Gelehrtengesicht kraust sich häufig und häufiger im verhohlenen Gähnen zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke, überaus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache scheint, lacht und auf Jason schaut, während die Augen aller Übrigen meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Müdigkeit, aber Alle waren sie froh über Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg, lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann sämtlich still. Auch mir fiel nicht gleich etwas ein, ich vergaß die Übrigen, glaubte wohl im weiten Lande draußen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich weiß nicht mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die Ziele der Sozialdemokratie erwähnt, ob er nicht auch davon eine ähnliche Rede halten möchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte er, ich habe so schon Ägidis Neigung verscherzt, freilich aus Mißverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die Anwesenden ganz sanft verspottet habe. — Wieso denn das? fragte Irene laut und verständnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und nachdem er eine ganze Sprotte gehäutet und zerlegt hatte, und mit einem fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches Butterbrot in Tränenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die es euch nicht gedenken werden, die unter Brückenbogen der Themse schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stück für Stück ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zähnen der Maschine aufgezehrt werden. Nicht gedenken werden sie es euch, daß ihre Seele zersprang wie ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. —

Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrückten: Man kann doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und Dora und Ägidi — — sahen nach den Fenstern, als sähen sie sich an.

Es gebe ja aber andre Sachen in Hülle und Fülle, von denen zu reden wäre, fing Jason wieder an, und wie wäre es zum Beispiel mit einem Vortrag von Irene über den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht hätte, warf sie ihm nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wären wohl fertig mit Essen. — —

Nun werde ich doch ein wenig müde. — Aber ich will nun nicht aufhören, ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange ich schreibe, glänzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder für lange still und eintönig werden ...

Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch, Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock glatt und sagte endlich — es klang recht komisch bei ihrer Ernsthaftigkeit —: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.

Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe sie im Spiegel kommen sehn. — Das fand ich schon so symbolisch, — weißt du — ich sagte es auch Dora —. Man sollte immer solch einen Spiegel bei sich haben, — alles trifft einen immer so schrecklich unvorbereitet, — ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun — — gerade bevor du kamst — Ägidi war ja nun da — war ich so beim Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann, und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und — nun jedenfalls: es war etwas in ihrer Haltung, das andere als — ja. Du weißt wohl gar nicht, — sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die nicht lügt, — sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das Wiedersehn, — jedenfalls — — Irene brach hier ab, stand auf und sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, — das war unvorbereitet. Sonst nichts, und das — genügt ja wohl auch. —

Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. — Sie setzte sich dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der Zeit gewiß sehr liebgewonnen.

Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! — Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht, braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie klug ist ...