Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und sich sagen würde, wie sehr sie, anti domum, wie man wohl sagen kann, gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das geringste — ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! — sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges Glück seien. —
Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt, doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem Gesicht schien mir — nun was soll das? — — — —“
Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die Lippen bewegend, weit offnen Herzens:
„Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur, immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen? Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend, unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.“
Fünftes Kapitel: Juni
Emmaus
Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel, und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte, sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte. Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer, schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei? Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. — Georg brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte: Ach, Bogner, — richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte. Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, — dann war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch Christus. — Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und — der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da war es — Helene, — ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild und Helenenruh, wohin ich — ach, bald — bald fahre, zu Renate, die dort ist ...
Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen, brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In Liebe Renate.
Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen. Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe ... Tot, dachte er, tot, — — sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt’ es, seine Augen wurden feucht, beizend. — Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken und würgend.
Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern, der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie dann, sagte heiser: Achtundneunzig — achtundneunzig bitte! und wartete. Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! — Nun stammelte er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen, jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. —