Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand, das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an und sagte:

„Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.“

Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter. Er trug es herein, löste die Tücher ab, — es hatte noch keinen Rahmen, — und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.

Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich, das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben, hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der Tischplatte, ganz golden von Licht, — der Christ.

Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht! Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in unendlicher Stille.

Von der Gartentür her sagte der Maler:

„Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein. Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.“

Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:

„Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu lesen bekam, ‚die tote Liebe‘ heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen ...“ Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir — Dem Dorf im Sonnenkuß — Fast wie das Jüngerpaar — Nach Emmaus ... Und den Schluß: Da ward die Weggesellin — Von uns erkannt — Da hat uns wie den Jüngern — Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter: „Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern — Das Herz gebrannt ... Denn — — es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern, und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und — wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.“

Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen die Worte an. Wir wissen es nie gut, — wir wissen es immer nur besser ... Und nun war Helene tot, die — Mutter tot, — Mutter, — nicht meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken. Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie doch noch lebte? — In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie: in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. —