Und — ach du mein Gott — nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja, dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und mit Renate, — aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! — Er biß sich auf die Lippen. —

Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, — oh diese Ungewißheit! — Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, — oder in Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! — Er erhob sich und klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. —

Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne, — und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch Georg und meinte:

„Ich hoffe, Sie schenken es mir, — ich werde sehn, — ich finde schon, was ich Ihnen als Gegengeschenk — — wenn erst alles ...“

Der Maler nickte und sagte: „Ich weiß ja ...“

Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, — Christus war tot und mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, — dann erkannten sie ihn, und — ihnen brannte das Herz. — Er fühlte sein Gesicht glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.

Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam, wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt, Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war, wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken, Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern, heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende, riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten Frau in einem Automobil, das überholt wurde, — all das flackte und spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in den Wagen und schloß die Augen.

Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau, an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.

Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände, unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, — es zu holen, war es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle etwas hatten, — nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben, und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? — Ganz erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn, es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno: Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. — Ja, so ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von Emmaus, und er selber war der andre. — Nun war da vom weiten ein Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können aber hineinsehn. — Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde, weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte, daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.

Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten, kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.