Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach, dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! — Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders! Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. — Da merkte er, wohin seine Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah, einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten, hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht, zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle Laubgrotte der Ferne zu.
Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor, der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte, der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters. Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: „Alle — — Alle — gehn fort! Esther, — und Papa, und nun —“
Also tot ... tot ...
Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit, bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.
Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt, in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. — Georg stand furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts zu gehn.
Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, — es ist ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit sehr hagrer und gebogner Nase, — mein Gott, wer ist das? — fragte Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag, und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte gescheitelt, — nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie — hülflos ...
Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist — ja, — es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und wie gelb es ist, — es ist ja gar nicht wie — wie von Natur, es ist — — erstarrt, aber — — das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ... dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? —
„Vater —“ sagte er leise.
Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es. Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen und sich räuspern, dann die Worte: „Wohl ist ihr — — wohl — — und —“
Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter ihm.