Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. — Ach, sie weinten über das, was sie verloren hatten, — ja, freilich, — ich habe nichts verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. — Irgend etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder hinaus.
Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen, sagte er:
„Gestern“, sagte Renate, zu Magda aufsehend, „ging es ihr so viel besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam sie auf einmal zum Frühstück herein, — ich sehe sie noch, in ihrem gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im Zimmer. Dann — dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal — sah sie uns groß an und sagte — ihr würde so sonderbar ...“ Renate schwieg. Ganz leise sagte sie dann: „Plötzlich — — plötzlich sagte sie: Ich glaube, ich —, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und dann — — dann fiel der eine Arm herunter.“
Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im Taschentuch.
Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.
Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben die Nacht. — Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm an die Brust gerissen und heftig geküßt. — Nun hat er nur noch mich, dachte er beschämt und angstvoll. — Er sah seinen Vater hinaushumpeln, stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal, löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon, kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen, er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte Sonnenuhrspruch: Vulnerant omnes, ultima necat. — Alle verwunden, die letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. — Darunter stand: einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. —
Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen, warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und las das erste Gedicht:
Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend
Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück.