Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend,
Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.
Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen
Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn.
Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen
Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.
Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug die Seite um, — da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, — jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe das Abschreiben sie gekostet hatte, — sie, die überhaupt nur eine Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war — denn sie hatte die Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, — so hat sie mich geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham: „Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht —“ und fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte: Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — und tiefer die ebenfalls unterstrichenen:
Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen
Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...
— die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie geschrieben schienen. — Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; ‚sicher‘ mußte es heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und las: