„Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber, dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, daß wir herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergänge, abgeschlossen, aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen und Verboten, und die Türen stehen uns alle offen, aber kein einziges Herz.“
Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.
„Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen?“ fragte sie.
„Ich,“ brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: „ich will nichts sagen, ich will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nächste; ich will kämpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jüdische Witze reißen in christlicher Gesellschaft. Sie, gnädiges Fräulein, kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da können Sie mir vielleicht sagen, ob Ihr Christus, den ich gewiß so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut komme über uns!“
„Sein Blut doch nicht“, sagte Renate begütigend und mit innerem Lächeln, denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem Augenblicke keine Spur vorhanden.
Verächtlich erwiderte er: „Freilich, er hat ja vergeben — was das schon hilft!“ und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.
Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese große, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des Cellos zur Brust nieder und wieder aufwärts klettern mußte, und sie winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte langsam:
„Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkabäer, Salomos Hand war nicht anders, sie weiß noch von davidischen Harfengriffen, und es ist eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?“
Sigurd errötete und schnob grimmig, die wären Alle hin, und Christus am längsten tot. Taten müßten geschehen, hätte er in einem neuen Buche gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschüren vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:
„Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun eigentlich käme, daß kein Mensch uns leiden könnte, und er faßt alles über uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich könnts nicht besser, und meint ihr, wir wüßten selber nicht, wo’s uns fehlt? Und das natürlich steht auch drin, daß, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in Frieden leben, wenn man ihn nur läßt? Wir sind doch nur da und wollen leben, nur die schmählichste Achtung haben, warum muß denn immer auf uns herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren Juden.“