Er sprang auf und stellte sich an seinen Bücherstreif, um daran zu zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, blätterte, schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran, hinein. Überdem klopfte es.

Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehört und wunderte sich, wer nun erscheinen würde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine Chinesin — Renate hätte es auf den ersten Blick geschworen — in einem schwarzweiß gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen großen, flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja — ganz eiförmig war das kleine, dunkelhäutige Gesicht; die nach hinten gekämmten, glattschwarzen, glänzenden Haare waren zu einem kunstvollen, chinesischen Bau getürmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im Lächeln, wie sie knickste und vorwärts getrippelt kam und, wieder lächelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von Europa über dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und versüßte. — Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dünn und fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch geführt.

„Sieh da, Esther!“ sagte Saint-Georges und zu Renate: „Das ist Sigurds kleine Schwester.“

Esther sah ein wenig schüchtern aus glitzernden Augen zu Renates Größe auf, während sie ihr die Hand gab.

„Ach, entschuldigen Sie nur,“ sagte sie ganz deutsch, „ich wollte nur — ich dachte, du kämest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.“

Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschäftigt, nickte und murmelte, er komme.

„Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd!“ sagte sie träumerisch und lachte. — Saint-Georges, während Renate lächelnd bekräftigte, das wäre ja ein Ausweg, meinte auch: gewiß, in eine Bibliothek vergraben brauchte er sich um nichts zu bekümmern.

„Und nun macht, daß ihr fortkommt! Jetzt müssen wir arbeiten!“ rief er.

Esther knickste gleich und ging zur Tür. Renate konnte es nicht lassen, zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch einmal kommen, versuchsweise, — und nun versicherte er errötend und bereitwillig, ja, sehr gern, außerordentlich gern. Dann waren sie Beide draußen.

„Nein, woher kommt dieser Tapfere?“ fragte Renate gleich. „Und diese Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die müssen Sie mir bringen.“