„Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein“, meinte Saint-Georges gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.

„Er ist Balte,“ begann er dann, „sein Vater ist tot, von seiner Mutter läßt sich seit langen Jahren nur sagen, daß sie ‚noch lebt‘. In ihrer Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und schoß sich leider tot. Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch genug zum Vorschein, daß die Drei kümmerlich leben können, wenigstens bis Sigurd selber verdient.“

„Was mag aus ihm werden?“ fragte Renate nachdenklich.

„Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist ein Mensch mit natürlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.“

„Freilich! und er sagte, alle Wege wären ihm verschlossen.“ Saint-Georges lachte herzlich. „Wegen seines Judentums, nicht wahr? — Aber das ist seine Jünglingsmelancholie, die sich bei Andern in Weltschmerz oder in Weltwonne zu äußern pflegt, bei ihm in Selbstverachtung. Seine Tüchtigkeit, sein praktischer Blick, seine Arbeitskraft stehen außer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, außer dem in den Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, — um so besser. Sein Kopf ist ebenso greisenalt wie sein Gemüt knabenjung. Da sieht er aus wie ein verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoßend vor wie Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken könnte man schon, wenn er schwört — in seinen trübsten Stunden tut ers —, er würde irrsinnig, weil seine Mutter — und so weiter. Nun, man muß ihn reden lassen und warten, daß er älter wird. Gott erhalte ihm nur den Knaben im Herzen. — Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger aus Überzeugung, daß die Rückkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als um seiner selbst willen: um was tun zu können.“

Renate schwieg in Gedanken, hörte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr recht wäre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches Buch in der Hand, während sie Saint-Georges drüben am Schreibtisch sich zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.

Balto-Borussia

Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schönen Liedes von der ‚aura academia‘, saß auf der Gartenterrasse des Baltenpreußenhauses bei seinem Pflichtbesuch.

Die vielen Verse des Liedes ließen ihm Muße, umher- und alles anzusehn. Es dämmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schön geformte und zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grüne Gärten in allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurück und schweifte über die kleine Tafel mit ihren Gästen in kornblumenblauen Alltagszerevisen von Mützenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der Größe heller schien als das der Mützen, indem er bedachte: wie nett, daß es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint. Besonders sein Gegenüber war ihm herzerfreuend, wie er dasaß, gut mittelgroß, eingepreßt den rundlichen Leib in die zartgrüne Einjährigenuniform der schweren Jäger mit hohem und engem, grünem Kragen, voll- und rotbäckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt, freundlich umherglänzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn mächtig gewölbt und gebuckelt unterm geschorenen Schädel, — im ganzen nicht nur älter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die Übrigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst beschlossen und für sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen hatte er nur „Schwalbe“ gesagt, doch gehörte er vermutlich zu den kurländischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und — vor allem — der Dichter abstammte; ein tröstlicher Gedanke. Der Präses neben Georg, zufällig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Größe und Breite, dunkelhaarig und kleinäugig, gutmütig und ein wenig schläfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich, mißfiel Georg. Beim Vorstellen hatte er bloß gegurgelt. Was kann er den Füchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes Bierglas, — was doch wohl nur dazu dienen konnte, daß sie sich übten, bei früher Betrunkenheit sich lieblich aufzuführen, — eine wahre Hundsfötterei. — Reizend, was so die Ausländer bei uns lernen! — Georg bedauerte die drei Füchse, besonders die übermäßig langen und dünnen Zwillinge Rotenhahn — seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen — mit ununterscheidbaren, eben handgroßen, blassen Gesichtern, über denen die kleinen, blauen Mützendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war belanglos, klein und schwärzlich. — Unangenehm waren die Gläser, aus denen ein scheußliches dünnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig über faustgroß: Georg, an seinen Münchener Maßkrug gewöhnt, glaubte mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein, wie er bemerkte, war es Sitte, überhaupt nur Ganze zu trinken ...

Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hieß und bei erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zügen, blondes, zierlich gekräuseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu, der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwürdigerweise pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden Grafen Tastozzi schwang: „Übers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!“ Der errötete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. — Der Diener kam, beide Hände voll gefüllter Gläser, und Georg bemerkte, daß er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar — für ihn, weniger für das ohnehin schale Bier; jedoch gehörte vielleicht auch dies zur Erziehung.