„Und was sagte sie?“

„Sehr lieb und gut war s’, wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte, daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is am End gar g’storm, gnä Frau?“ Hesekiel fing an zu weinen.

Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. — „Ich muß sie sehn,“ fuhr er dann auf, „ich muß wissen, muß — Hesekiel, sage mir — besinne dich, sage mir: weißt du die — die andre Wohnung von gnä Frau?“

„Sell weiß i net, Herr Doktor.“ Georg sah es wieder dunkel werden. „Man könnt am End — am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...“

Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche. Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen Worten nach Haus.

Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ... das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein erleuchtetes Schild ‚Schloßwende‘ zu, stand dann vor einer Theke, eine Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich: Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin — plötzlich, furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin, Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.

Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen. Inselbrückstraße — ganz in der Nähe — Gerberstraße — Inselbrücke — da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O, sie hatte eine Schwester! — Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den Hut, es war — war? — Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht aus ...

„Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?“ Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. „Ja, da streift man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die Erlauchten. Aber — mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?“

Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor großer Erleichterung.

„Ich verstehe, ich verstehe schon“, hörte er begütigend hinter sich sprechen. „Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch, mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?“