Georg sagte: „Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich — jemand wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...“
„Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen lassen. Inselbrückstraße — eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie, da ist die Brücke schon!“
Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend, dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen, sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen Glasstreifen ‚Unionkino‘ in roten Lettern und sah eine transparente Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die Tür war zu.
„Das war zu denken“, sagte er. „Und dies Haus —“
Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt ein fettes Weib heraus, rief: „Man Geduld, meine Herren, ich komme sofort!“ und verschwand.
„Um Gottes willen, das ist ein Bordell!“
„Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen lassen.“ Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. „Erster Platz!“ rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter, ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte: „Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.“ Dann ging er wieder nach vorn.
Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war und auf einem Pappdeckel ‚Erfrischungsraum‘ zu lesen stand. Nun war da ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf der linken stand wieder ‚Erfrischungsraum‘, über der rechten ‚Toilette‘, Montfort trat zu der gegenüberliegenden — ein rotes Licht neben der Aufschrift ‚Notausgang‘ brannte darüber —, öffnete sie, sie standen in einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte, worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel, der umher tastete. „Wieviel Treppen?“ fragte Montfort; Georg erwiderte: „Zwei!“ Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: „Wir sind oben.“