Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name ‚Severin‘ stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener Knopf. Indem erlosch das Licht.

Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen — Warten — Anklopfen, lauter. Die Schläge dröhnten durch das Haus. — „Wir müssen öffnen“, sagte Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln; gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.

„Nun bitte ruhig sein,“ flüsterte Montfort, „ich werde vorangehn. Aber da ist ja Licht!“ Er zauderte.

Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und Montfort sagte leise: „Ich habe etwas gesehn, warten Sie“, worauf Georg ihn nach links hinüber gehn sah.

Dort — er zuckte zusammen — stand ein Mensch, stand ganz gerade und still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.

„Nein,“ hörte er Montfort laut und langsam sagen, „das kann sie nicht sein“, und trat zitternd näher. „Machen Sie doch Licht“, sagte er.

„Man muß nicht alles beleuchten.“

Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend: „Machen Sie doch Licht!“ — Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine Berglast von seiner Brust. „Das Gespenst“, flüsterte er heiser. Und dann, erklärend: „Ihre Schwester.“

„So, so. Aber was hat sie denn da?“ Indem machte der Arm des Leichnams einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum, fing dann an zu lesen:

„Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“