Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte. Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand, stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war, weit, bis auf den Fußboden herab.

Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, — bis er plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia liegen ... Und dies waren ihre Füße ...

Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas — da — sein ...

Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und dort lag ein Gesicht und — es schien Cordelias Gesicht.

Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann — ein Schauder, nie gekannt, rieselte durch seinen ganzen Leib — sah er das Lächeln eines Mundes, das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.

Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören mit Lächeln.

Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag, lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...

Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein Schmerz, kein Verlust. Nur — Ende. Sie war drüben.

Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift. Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt Josef von Montforts, der zum Bett hinsah — seltsam, mit einem lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug. Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: „Das war ja fast zum Fürchten ...“ Dann wandte er sich zu Georg.

„Sie wollen etwas lesen?“ fragte er mit Zartgefühl gedämpft. „Ich werde nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein lasse in diesem Hause.“