Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, — wobei er sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so, daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.

„In der Haide; im April

Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah, und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt — zum Abschied, zum Willkommen? — er selber weiß es kaum, wie es scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ... Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.

Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst. Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist. Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? — Es war eine arme Seele.

(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im Fegefeuer.)

Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren, und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend, eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt, war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. — Ihre Mama, eine große, dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in Ordnung.

Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war. Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.

Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in weite Ferne ...

Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele, gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend, wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.

Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller, unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.