Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte; viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in eine Schule gegangen zu sein.
Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein glückliches Leben, und das ‚Schönste‘ darin ist noch nicht einmal beschrieben.
Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran, und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann, knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber, die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und — da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und haben böse Augen und — man wartet vielleicht auf einen, denn — man ist eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle. O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die große Rolle!
Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte, und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da, ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird besser werden, die Sonne brennt, — aber sie ist so klein geworden, täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist lange her ...
Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich, der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.
Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft — aber was steht denn in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...
Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider immer noch einmal um? — sie lachen schon lange im Salonstück, so geht es nicht weiter, mein Fräulein! — Aber meine Gage ...