„An das Rad“, sagte er aufblickend. Dann, da sie weiter fragte, mit den Augen ergriffen von der Festigkeit seines Blicks, fuhr er, leis lächelnd, fort: „Das Rad weder des guten Lamas im Kim, noch den Roman von Jensen meine ich damit, sondern —“
Renate, mühsam sich zu Ruhigkeit zwingend, glitt wieder in ihren Sessel und hörte zu, anfänglich gefesselt von dem Wohlklang seiner Stimme.
„Stelle dir“, fing er an, „ein Rad vor, wie Homer es malte, einen Radreifen mit vier Speichen, erzbeschlagen, und ein Rad, wie ein Heutiger es malt, eine flimmernde Scheibe von konzentrischen Kreisen; darin haben wir den Unterschied. Weiter: lege eine glühende Kohle auf die Erde, das ist der Anfang: ein glühender Kern, der Strahlen versandte, erst einen, mehr, immer mehr, die sich an unserm Horizont der kreisförmig andrängenden Ewigkeit umbiegen und ihren Stoff dort ablagern zu — Geschichte, dem Radband um unsere Zeit. Die Strahlen, immer dichter sich drängend, füllen schon den Kreis; nun wird abgespalten. Zum Beispiel: Malerei. Sie begann mit dem Bildnis, ging über zum Zimmer, zur Kleidung, zum Nackten, zog die Landschaft hinein, ging zur Landschaft hinaus, und es begannen die Techniken, Helldunkel, begannen die Charaktere, die Italiener, Holländer, kamen Holzschnitt, Radierung, Kreide, kamen Impressionismus, Expressionismus, Futurismus. Zehntausend Mannigfaltigkeiten und doch von Giotto bis Kokoschka ein einziger Glutkern: das Genie, die wahre Kunst, die Techniken und Programme und Richtungen nur benutzt, aber nicht von ihnen abhängt. Oder: Wissenschaft. Zuerst gab es die sieben freien Künste, die in einer einzigen Hand liegen konnten zu Anfang, die anschwollen, daß für jede eine besondere Hand notwendig wurde, ein besonderer Kopf, und wieder jede allein anschwollen, daß sie gespaltet werden mußten, und wieder gespaltet und aber wieder, bis wir heute zum Beispiel unzählbare Fächer der Naturwissenschaften, und so viele Spezialärzte haben wie Organe oder gar Krankheiten. Und siehst du die Abspaltung hier, so sieh die Zusammenfassung auf der andern Seite: Columbus, Luther, Giordano Bruno, Spinoza, Kant, Goethe, Bismarck, Darwin, die Bündel von Strahlen zur Garbe banden. Und immer die Ablagerung auf dem Kreisring, die Erfahrung, die Geschichte. Es wird immer anders, — das ist der ‚Fortschritt‘. Kannst du glauben, daß, wenn es je ein ‚Schön‘ gegeben hat, es heute ein ‚Schöner‘ geben könne? Oder ein ‚gut‘ oder ‚wahr‘ oder ‚edel‘, das heut besser wäre, wahrer, edler? Ja, einen Gott, der heute göttlicher wäre oder minder göttlich? — Kannst du glauben, daß du dich an einem Zeitpunkt befindest, tausendsiebenhundert Zeitmeilen entfernt von einem ‚Anfang‘? Kannst du dir vorstellen, daß du dich an einem Rande befindest? Muß nicht jedes, all und jedes, was ist, seinen Ursprung in der Mitte des Alls haben, in der Mitte sein? Alles, was ist, ist im Kern. Pascal — falls du nach einem Kronzeugen verlangen solltest — nannte das Weltall eine Kugel, deren Mittelpunkt überall, deren Umfang nirgend sei. — Wir strahlen ein jeder noch immer aus dem ersten und einzigen Kern, haben um uns den Rand, sind selber das Rad.“
Renate, die schlecht und kaum willig zugehört hatte, murmelte vor sich hin: „Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus sich selber läuft und keine Ruhe hat ...“ Das war Bogners Zeichen unter seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...
Sie merkte, daß es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges bückte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die Flammen anzublasen, so lange, daß sie das anhaltende Gleichmaß der Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun wollte, als das Stubenmädchen erschien und meldete: „Frau Tregiorni.“
Als ob sie gesagt hätte: ein Engel! dachte Renate, erlöst aufspringend und zur Tür eilend, die sie öffnete. Sie umarmten sich und beglückwünschten sich zum Fest, — aber Ulrika sah keineswegs gut aus, blaß, das Haar schien die Stirn zu bedrücken und saß nicht vorteilhaft, die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch Saint-Georges begrüßt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um — Renate verstand den Grund nicht, indem sie schon zur Tür ging, um das Buch zu holen, woran wieder Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgültig, sie könne ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte wie auch Renate, daß Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich bei ihm entschuldigten und gingen.
Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des großen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Kälte, — dann setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das weiße Buch leuchtete still auf der leeren grünen Tischdecke. Und wieder erschien Josefs Gestalt, die Straße heraufkommend, auf eine Laterne zu ... Renate fröstelte und wünschte sich einen Schal. Ob sie das Buch kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, daß es fast langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen er male, oder die er malen möchte, oder gemalt habe, und daß man doch nicht loskommen könne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rücken gefaßt mit der andern Hand, nieder blickend auf das Buch.
Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?
„Glut und Eifer“, sagte Ulrika ohne Ton, „ersetzen ja manches. Und wenn eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hören, alles Weben zu sehn, denn man sieht —“ Sie hob den Blick schweifend über Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin sie wohl kommen wollte ...
Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr stand, legte ein Knie über das andre, zog den Kleidrock nach unten und faltete die Hände darüber.