„Hast du“, fragte sie aufblickend an Renate vorüber, „dich je gefragt, wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider, deshalb ist immer alles so — unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars all die Monate mit mir, und nun —“ Sie schwieg.

„Ist es anders geworden?“ wagte Renate leise zu fragen.

„Eifer und Glut, Wollen und Glauben,“ sagte Ulrika wie zu sich selber, „die genügen ja nicht.“

„Weil sonst jeder etwas Großes werden könnte, meinst du, der es sich nur ernstlich vornähme, und eben das nur diejenigen können, die auch — die Gabe haben?“

„Auch nicht die Gabe“, versetzte Ulrika ernst. „Auch die läßt sich haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht — — das Leben“, schloß sie unsicher.

Renate mußte das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen Ulrikas Hände auseinander. „Auch nicht,“ sagte sie emporblickend, „nein. Das genügt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht. Was tut er denn, dieser Maler,“ lächelte sie flüchtig auf, „glaubst du vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben?“ Sie sprach eilig weiter. „Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben — weiter nichts. Ihr Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas für sich, ist kein Malen, kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen!“ Sie stand mutlos auf.

Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinüber: „Muß mans denn denken und sagen?“

Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des heraushängenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. „Man muß wohl“, sagte sie schwach lächelnd.

„Sie sind eben die Seltenen, diese“, fuhr sie wieder fort. „Man kann ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur?“ Sie grübelte angestrengt nach. „Ich glaube, sie tun nichts, als daß — ja, daß sie sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie? Ihr Schaffen ist — ist —, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt — es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wüßte, wo er stünde, keiner“ — sie lächelte hell, zum Zeichen, daß sie Bogner zitierte — „wüßte, wie Baum und Sonne und er selber aussähe, wenn nicht eines Tages einer angefangen hätte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du? Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.“

Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! „Ja — — du bist ja aber glücklich, Ulrika!“ sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen augenblicks hinter fallenden Lidern.