„Ich sollte es ja sein“, erwiderte sie dann ruhig. Plötzlich trat sie zurück in den Raum, blickte funkelnd und heiß und sagte: „Ich war es ja, war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden — meine Musik. Kannst du’s denn verstehn? Wie soll ichs nur erklären? Das Leben haben, sagt’ ich, nun — und was ist das? Allwissend sein, wissend um alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trübsal der Gebrochenen, das Elend der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen der Sterne — dies alles wissen und — hochheben im Werk, zeigen im Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werkstätte fühlen, wo es umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus dem es dann alles wieder strömt —: verwandelt, so daß wirs empfinden. Nun, und ich — ich war wohl noch weit davon, aber — ja, wie sage ich es denn nur?“

Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nächste Bücherregal, legte die gefalteten Hände gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie herausbetend: „Daß es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern — Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer unendlichen Daseinsnot, nicht Musik — nein, Liebe und Leiden, und nicht Allegro, nicht Andante, sondern — Kindheit und Wachstum und Älterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf weiche Hände, Enttäuschung, ach — und das Aufstehn frühmorgens, die Schwermut am Abend — alles all, was ist, was wir Alle sind.“

„Und nun nicht mehr?“ fragte Renate, ganz heiß durchströmt von dem Brand.

Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und sich hinließ, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrückt:

„Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte, ich lebte ja nur, ich fühlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es auch nicht anders, — kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht doch immer darin, man fließt mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn man nur fühlen könnte! Dann wäre kein Mord eine Untat. Sage das Wort nicht — was ist dann?“

Renate verlor die Worte im Hören, ohne sie begriffen zu haben. Eine Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, daß Ulrika von einem Bilde sprach — ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja, Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, daß die ganze Schlacht zurückrollt gegen die Stadt ... „Ja, kann man denn Schreien malen?“ fragte sie ungewollt.

„Ich sagt’ es ja eben,“ erwiderte Ulrika, „er selber behauptete, es sei unmöglich, ganz sinnlos, und doch muß er an diesem Bild schon bald zwanzig Jahre sitzen ...“ Wieder vergeßlich, versunken ins Anschaun dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter Gliedmaßen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Münder, dann auch eines Eisenbahnunglücks, das Bogner mitgemacht habe, und dessen Schmerzensausdrücke bei den Verletzten er später bei den Aktstudien aus der Erinnerung noch habe übertragen können, hörte sie langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:

„Und wie ich dastand in dem öden Raum, der ganz voll war von diesem wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder dieselbe Gebärde des Grauens sah, dazwischen Entwürfe zu einem schwarzen Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, während vorne die zurückflutende Schlacht sich bäumt, — o Gott, all dies Stückwerk zu sehn, Rüstungen, Schienen, Fäuste, immer wieder Fäuste mit abgebrochenen Schwertstücken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen herausgepreßt — und zwischen all dem er, so unbekümmert, bei aller Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stücke einmal aufgehen würden, — da — ja, da trat ich glaub ich ans Fenster, ganz mutlos und hoffte nichts, als daß — nun was? Aber ich sagte etwas wie: ‚Wenn ich dir helfen könnte ...‘ Da legte er seine Hände auf meine Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hülfe ihm ja — nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr weiß, was lag auch an den Worten! — Mir ward leicht, ganz leicht.“

„Und nun?“ mußte Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend schwieg.

„Nun siehst du’s ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich saß bei Mama, dann legte sie sich bald, sie kränkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester von ihr — da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs —“