Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hörte; auch Ulrika schien sie zu hören, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und sagte: „Es ist ja auch nichts weiter zu sagen.“ Sie trat auf Renate zu, die sich erhob, schloß sie in die Arme und meinte, es würde wohl alles wieder anders werden, wer könne wissen ... und dergleichen, während schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklärte, dies gehe zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!

Wie er doch den rechten Augenblick abgepaßt hat — für Ulrika, dachte Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. — Als sie einen Augenblick später hinter den Beiden, die miteinander sprachen und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekümmert die Linderung, die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.

Es ist am Ende nur, daß ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man hängt sich selber zu sehr nach, und — die Andern sind immer warm und wärmen; ist man dann allein, muß man sich doppelt kleiden und einspinnen ins eigene Fühlen und Grübeln, aber ... aber ...

Renate wußte nicht weiter. Sie waren unten angelangt.

Viertes Kapitel: Februar

Wirrnis

Georg saß und schrieb:

Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche, gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut, stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: ‚Möbliertes Zimmer!‘ angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...

Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt dessen:

... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße. Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite, in dessen Fenster das ‚Möbliertes Zimmer!‘ wiederum auf einer Papptafel zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich, versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches Gesicht zu machen. Er sagte: „Hier ist ein Zimmer zu vermieten?“ Die Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie „missen“), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann, mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer Tür empor — sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze — öffnete sie und ging weiter — der Mensch ihr nach — in einen schmalen, dämmrigen Gang hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die zweite — die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür — halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.