Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank — wie sein neuer Besitzer ihn nannte — aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen, bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm — er stand halb davor — war das Fenster mit sehr breiter Bank, die Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter, hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem Bett gegenüber an der andern Wand — keinen Meter breit war der Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden, bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte — stand ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. — Über dem Bett hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte. Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.

Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte, sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun, und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete! — Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht! beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb weiter:

Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen Widerwillen gegen die Nähe vieler — und so zusammenhangloser — menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue, sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.

Herr Topf — dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute aufzudecken in der Lage sind — begann am Winter, an der Stadt Berlin, an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen, kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten, halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines Bildhauerateliers ...

Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht — und schrieb weiter:

... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher, morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun konnte er verschiedenes unternehmen.

Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben — von dem er beiläufig nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern — und dort konnte sich wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer —, all dies konnte sich zu einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.

An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig beleuchteter und funkelnder Gegenstände —

Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah: Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel, Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren, rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht auf —

... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten, die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, — doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde. Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos, einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen, verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß, in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung, dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief hervorkommt, — an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, — und währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten Bahnkörpers dahinzog, — und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor, freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann — wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr —, die leer gewordenen Wagen bis zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein (welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen, als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...