Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung mußte ich doch noch anbringen.

... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet, fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen, Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.

Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer, den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles, was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:

Und wie sonderbar traf m— (dies m strich Georg durch, suchte Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen —) einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle, gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern, Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof, mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert, als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der Überführung schwindet, — und wie totenstill kann es dann sein! — Oh, und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben, Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.

Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau. Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen Schild das Wort ‚Südring‘ in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, ‚auf allen Seiten Hintergrund‘: ‚Potsdam‘ in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen, dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte — in den Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den schlagenden Schweifen —, — und ganze Städte zogen vorüber in den Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum, Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt, verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm ausstoßend, hin und her.

O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel: Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel, ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen, Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, — und hoch über all dem, hoch in der braunen Nacht — der Tausendfuß, der brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen, an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert ...

Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das ist wieder so ein lyrischer Anlauf! — Aber es müßte einem doch gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er schrieb in Gedanken liegend weiter:

Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater, für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz fort: — ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend, rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa, gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis — wie er es nannte — des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im Umfange von vierzehn Verszeilen fand. — Richtig, es ist erstaunlich, dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von seelischen Entladungen ist. — Jetzt packte ihn wiederum der Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:

So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ... Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig, Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht, mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet, allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und — so schloß das Sonett: Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. — Andermals: welch sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen, Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber, aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher, wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.

Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie — also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse, opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend, dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! — Und er erinnerte sich erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...